Montag, 23. November 2015

Zahlen lügen nicht und positive Formulierungen nehmen der Wahrheit die unschönen Spitzen


In Unternehmen hat sich heutzutage eine pseudo-objektive Controlling- und Statistik-Kaste etabliert, die der Führung alles schön oder schlecht rechnet, so dass es ins aktuelle Konzept passt. Und da man schon vorher weiß, wie das Ergebnis auszusehen hat, kann eine entsprechende Erhebungsgrundlage festgelegt und ein scheinbar hieb- und stichfestes Zahlenwerk generiert werden, um noch so sinnfreie oder unfaifre Maßnahmen zu rechtfertigen.
Für Außenstehende ist dieses Konstrukt absolut nachvollziehbar und logisch stringent, da unschöne Wahrheiten und Zusammenhänge ausgespart bleiben, geht aber am Kern des Problems haarscharf tangential vorbei.

Theoretisch hätte Droege  die Logistik somit auch wegen fehlender 3,50 Euro in der Portokasse in die Insolvenz schicken können, anstatt der 250.000 Euro, die ALSO bequem aus selbiger hätte zuschießen können. Was zählt ist allein das, was unterm Strich steht, nicht die Realität oder was unter einem weiter gefassten Blickwinkel  zwingend wäre. Man zäumt das Pferd von hinten auf, um ihm mit einer konstruierten Notwendigkeit den Gnadenschuss zu geben.

Parallel dazu werden geplante Maßnahmen über eine euphemistische Nomenklatura in ihrer Härte bis zur schieren Bedeutungslosigkeit verharmlost: "Durch eine Verschlankung der Prozesse lässt sich die Kostenstruktur des Unternehmensbereichs den wirtschaftlichen Erfordernissen des freien Marktes anpassen" hört sich doch viel positiver an als "wir feuern die halbe Abteilung um die Erwartungen unserer Investoren befriedigen zu können". Oder man kann diejenigen, die zukünftig Ex-Kollegen sein werden auch einfach als "Delta" bezeichnen. Das hört sich doch positiv an, wie eine idyllische Flussmündung oder ein Buchstabe des Alphabets eines Landes, in dem man schon einen schönen Urlaub verbracht hat. In der Mathematik steht "Delta" schlicht für eine Differenz, und macht die Zahl der geplanten Kündigungen angenehm abstrakt.

Es geht bei Weltbild und ALSO nicht wirklich darum, mit begrenzten Mitteln unter "schmerzlichen Opfern" Betriebe zu retten, denn der, der hinter allem steht, hat mehr Geld, als er jemals wird ausgeben können - er will nur nicht!

Am Ende kann man mit weichgespülten Phrasen und tendenziellen Zahlenwerken alle Maßnahmen erklären und legitimieren, hat fixe Kosten reduziert und das Unternehmen läuft jetzt "effektiver" als zuvor. Aber das, was an sozialer Härte dahintersteckt, geht in der Wolke aus heißer Luft großteils unter. Auf der Strecke bleiben Menschen, die zwar gute Arbeit geleistet haben, aber einfach zu teuer waren. Die Qualität spielt dabei keine Rolle, die lässt sich ja auch ganz schwer in Zahlen fassen!

Der feuchte Traum jedes Unternehmers ist doch, dass die Beschäftigten wieder in Ketten gelegt werden und bei der Arbeit Ghospels singen. "Nein, an der Sklaverei war wirklich nicht alles schlecht!" 

Aber auch der arme Unternehmer ist nicht wirklich Herr seiner Handelns. Der freie Markt treibt ihn vor sich her und zwingt ihn zu immer neuen Höchstleistungen. Was zählt ist stetes Wachstum, nicht dass man nur denselben schnöden Gewinn erwirtschaftet wie im vorigen Jahr. Gewinn ohne Wachstum ist nicht die Tasche wert, in die er gesteckt wird. Ein bisschen mehr geht doch immer, oder?!
Aber es gibt irgendwann nicht mehr genug Konsumenten, die den ganzen Schrott der Mehrproduktion oder des erweiterten Angebots kaufen könnten. Zumal viele davon einer "Optimierung der Kostenstruktur" zum Opfer gefallen sind und gar nicht mehr über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, um in systemrelevantem Umfang konsumieren zu können. Wer hier die Sackgasse nicht erkennt, will das wohl auch gar nicht.

Und so bleibt denen, die in der kapitalistischen Nahrungskette ganz unten stehen, eigentlich nur solidarisch zusammen zu halten. Wenn sich in der Krise ein Szenario "jeder gegen jeden" entwickelt, habe diejenigen, die diese Situation herbeigeführt haben, bereits gewonnen......denn die Zahlen und Erklärungsworthülsen stehen längst auf ihrer Seite.


Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben !
    Ich würde mir auch wünschen, dass diejenigen, die in der kapitalistischen Nahrungskette ganz unten stehen, sich mal die Parteien genauer anschauen würden und die Partei wählen würden, die zumindest vorgibt, etwas für die Ärmeren tun zu wollen !

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  2. Danke für diese messerscharfe Analyse. Das "jeder gegen jeden" feiert bereits jetzt fröhliche Urständ in der Firma. Grüppchen bilden sich, es wird getuschelt und gemauschelt und man ist sich in der peer group schon ganz klar darüber, wer in der Abteilung am faulsten und dümmsten ist. Ganz normale Kolleginnen und Kollegen, die nicht zur Tuschelecke gehören, stehen plötzlich unter Druck und Stress. Obwohl sie ihre Arbeit ganz normal und korrekt ausführen. Dadurch gehen die Krankenzahlen hoch und die Firma leidet weiter, während sich aggressive - Kolleg/innen möchte man schon gar nicht mehr gern sagen - in ihrer Hetze und Verleumdung bestätigt fühlen. Unter Druck treibt es verborgene Charaktereigenschaften aus den Menschen heraus... Aber überlegt auch mal, wer diesen Druck persönlich auf uns alle ausübt???

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  3. Wunderschönes, beinahe lyrisches Statement zur Kapitalismuskritik in Deutschland. ABER: Wie sieht es aus mit dem Delta bei Weltbild? Oder gibt es gar ein Kündigungskontingent? Ist es so, dass in der ersten Dezemberwoche die Kündigungen ausgesprochen werden, oder hat der BR noch einen Verzögerungspfeil im Köcher? Bitte Infos anstelle von Politikbeiträger. DANKE!

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    1. Doch: Es wird definitiv auch Kündigungen bei WELTBILD geben. Betroffen sind ca. 60 KollegInnen. Aber dem BR liegen bis heute keine Namen vor. Derzeit verhandeln wir mit der Geschäftsführung über den Sozialplan. Möglichkeiten, die Kündigungen weiter zu verzögern, sehe ich nicht mehr. Auch auf die Anzahl haben wir keinen Einfluss. Wir können nur noch über die Bedingungen verhandeln und das Bestmögliche für die Betroffenen rausholen. Das machen wir mit ganzer Kraft. Die Kündigungen werden wahrscheinlich in der ersten Dezemberhälfte kommen. Immerhin ein Jahr später und nur ein Viertel von dem, was der Arbeitgeber ursprünglich durchsetzen wollte. Kein Grund zum Jubeln, aber durchaus ein messbarer Erfolg unserer Arbeit in den letzten zwölf Monaten.

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  4. Ich schließe mich dem Lob meines Vorschreibers bezüglich des Artikels an: Derart treffende undwirklich witzige Formulierungen liest man nur allzu selten; stattdessen gibt´s auf allen Kanälen, Blogs, Kommentaren usw... oft nur breitestes bashing mit billigen Verallgemeinerungen. Hier wurde aber wirklich mal der rostige Nagel voll auf den Kopf getroffen!
    Von solcherart qualitätsvoller Schreibe bitte, bitte mehr! Vor allem, weil ich auch glaube, dass man damit die Sch*** wirklich ärgern kann! Haben die sich doch Humor und sprachliche Brillianz gar nicht erst angewöhnt...Mei, wenn ich da so an meine ehmaligen Scheffs denk`...! Und was 10:16 über das Kolleg/innen-Mobbing erzählt, habe ich auch sogar fast über Jahre genauso erlebt bzw. mitbeobachtet! Es gibt halt nicht genug Rettungsboote...

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    1. Es geht auch anders. Mobbing habe ich in meinem Bereich noch nie erlebt, weder vor noch nach Insolvenz.
      Meine Kollegen sind der einzige Grund, warum ich trotz allem noch halbwegs gerne in die Arbeit gehe.

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  5. Hallo lieber Timm,

    na wenn Euch noch keine Liste vorliegt, wundert mich das sehr, hier hört man ja das Gerücht das Ihr die Namen von Herrn H. letzte Woche vorgelegt bekommen habt. Und nun die Frage wer steht denn da so drauf - MA die nicht ins System passen? Wie sieht es mit der Einhaltung Sozialplan eigentlich aus, habt Ihr da kein Mitspracherecht mehr? Und weiterhin wäre es doch eine Option für das nochmalige Verhandeln eines Freiwilligenprogramms, bei guten Verhandlungen wäre Dröge dann sicherlich schnell sogar mehr Leute los, ich denke das ist doch sein Ziel? Naja wir werden sehen, gesagt wurde es ja anders, schnell die Kündigungen auszusprechen und nicht erst kurz vor Weihnachten, aber wie wir alle gelernt haben, zählt das gestern Gesagte ja doch nichts. Wir können nur hoffen das diese Situation bald ein Ende hat und endlich Klarheit herrscht wohin die Reise geht.

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  6. Lieber Anonym,

    die Gerüchte stimmen – wie so oft – nicht. Letzte Woche haben wir im Rahmen des gesetzlich vorgeschriebenen Konsultationsverfahrens vor Massenentlassungen eine Liste mit den betroffenen Berufsgruppen vorgelegt bekommen. Da stehen aber nur Zahlen drauf und keine Namen. Es sind auch keine Rückschlüsse möglich, wer konkret betroffen sein wird.

    Bei der Einhaltung der Sozialen Auswahl (nicht Sozialplan, der regelt Abfindungen etc.) haben wir natürlich mitzureden. Aber der Arbeitgeber hat durch den Zuschnitt der Vergleichsgruppen und die Benennung von Leistungsträgern, die aus der Auswahl herausgenommen werden, recht gute Möglichkeiten, sich das genau so zurecht zu schnitzen, wie er möchte. Im übrigen hatte ich geschrieben: „Auch auf die Anzahl [der Entlassungen] haben wir keinen Einfluss.“ Und das ist leider so: Nach dem Scheitern der Einigungsstelle kann der Arbeitgeber jetzt jene 50 Vollzeitstellen abbauen, die Gegenstand des (gescheiterten) Interessenausgleichs waren.

    Die „guten Verhandlungen“ mit dem Arbeitgeber kranken derzeit am Etat für die Abfindungen. Da müsste schon etwas Vernünftiges angeboten werden, damit die Leute „freiwillig“ gehen. Trotzdem verhandeln wir weiter und versuchen auch in dieser Hinsicht etwas zu erreichen. Die Gespräche laufen derzeit ganz konstruktiv. Wir werden sehen, ob wir tatsächlich zum Abschluss kommen. Wäre leider nicht das erste Mal, dass ein Augsburger Verhandlungsergebnis in Düsseldorf kassiert würde…

    Du hoffst, dass die „Situation bald ein Ende hat“. Glaub’ mir, das wünschen wir uns auch! Aber wir halten trotzdem durch, um das Bestmögliche für dich und deine KollegInnen herauszuholen.

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  7. @ Tim

    wollte fragen ob die Kündigungen im Dezember auch an die ALSO Mitarbeiter gehen?

    Gruß

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