Montag, 2. März 2015

Und wer bezahlt Ihr "Gehalt" Herr Droege?


Der Wirtschaft geht es gut. Der DAX ist auf einem historischen Höchststand und die Konjunkturprognose für 2015 wurde deutlich angehoben. Dazu kommt, dass die Zahl derer, die Arbeit haben, höher ist denn je. Eigentlich hört sich das ganz toll an, wären nicht gleichzeitig mehr als 12 Mio. Menschen in Deutschland von akuter Armut bedroht  und bräuchten nicht 3 Mio. Erwerbstätige zusätzliche Unterstützung vom Staat um sich und ihre Familien über Wasser zu halten - Tendenz steigend.
Die Situation lässt sich auf eine einfache Gleichung bringen: Eine immer größer werdende Zahl von Arbeitnehmern erwirtschaftet stetig wachsende Gewinne, die aber primär dem Vermögen weniger Superreicher zufließen. Wo bleibt bei einer derartigen Entwicklung die Verantwortung und Wertschätzung der Nutznießer denjenigen gegenüber, die dieses Kapital für sie erwirtschaften?
Während in kleinen und mittleren Unternehmen noch ein gewisser Respekt der geleisteten Arbeit gegenüber erkennbar ist, fühlen sich die großen Gesellschaften nur ihren "Shareholdern" oder sich selbst verpflichtet.
 
Im "Kleinen Taschenbuch der Betriebswirtschaft" steht ganz vorne, dass eine Reduzierung der fixen Kosten am schnellsten über eine Reduzierung der Lohnkosten zu erreichen ist. Da Gehaltskürzungen meist schwierig durchzusetzen sind, geht man in der Regel den Weg der betriebsbedingten Kündigungen und Auslagerung der "doch irgendwie notwendigen" aber lästig teuren Tätigkeiten an Dienstleister oder füllt die Lücke aufkommensangepasst mit Leiharbeitnehmern. Aber welche Motivation und Einsatzfreude will man von Menschen erwarten, die das Unternehmen nicht kennen, den Mindestlohn erhalten und jederzeit wieder "weg-vom-Fenster" sein können. Dass Qualität und Fairness dabei auf der Strecke bleiben wird billigend in Kauf genommen.

Dieses pavlovsche Standardvorgehen führt Firmen vielfach in eine Sackgasse und muss oft unter beträchtlichen Kosten wieder zurückgenommen werden, hat aber noch niemand davon abgehalten es zumindest einmal zu versuchen. Ein Mangel an Vision oder schiere Habgier führen fast zwingend auf dieses schmale Brett.
Könnte es nicht aber auch Ansporn sein, sein Unternehmen anders zu führen? Könnte es sich nicht am Ende rechnen, faire Löhne zu bezahlen, die Mitarbeiter durch überdurchschnittliche Leistungen ans Unternehmen zu binden? Wäre der Gewinn durch eine hochmotivierte und -qualifizierte Belegschaft, deren Interessen die Interessen der Firma sind, nicht ungleich höher als ein kurzfristiges Plus in der Jahresbilanz? Wäre es als Chef nicht auch befriedigend von seinen Angestellten geachtet und respektiert zu werden? Oder ist da die Angst von den Unternehmerkumpels im Golfclub ausgelacht zu werden ungleich größer? Es bräuchte schon ein gewisses Maß an moralischer Größe aus dem etablierten System auszubrechen, zahlte sich aber durch die Außenwirkung und den Prestigegewinn aus, wäre Werbung für die Firma, die auch einen Wettbewerbsvorteil bringen kann.

Es sollte normal sein, dass die "Big Player", statt mit frisch erworbenen Unternehmen zu zocken, sich an das erinnern, was sie bei der Übernahme vollmundig versprochen haben. Manchmal braucht es etwas Zeit, Geduld und Investitionen die Maschine wieder zum Laufen zu bringen. Mit dem Kauf gehen nicht nur Vermögenswerte über, man übernimmt auch Verantwortung für die Beschäftigten. Und bei einem Privatvermögen von geschätzten 1,6 Mrd. Euro kann und muss Weltbild eine faire Chance gegeben werden. Das vordergründige Fehlen eines Konzepts und die vorsätzliche Umsatzreduzierung können nicht den Grund dafür liefern eine Firma derartig herunterzuwirtschaften. Hinter den Zahlenspielen stecken reale Existenzen!  

Eigentlich ein klarer Fall für den "Ethikverband der deutschen Wirtschaft". Aber irgendwie klingt das wie "Verein katholischer Satanisten" oder die "Vegane Fraktion der deutschen Fleischer-Innung" - seltsam surreal.

Kommentare:

  1. Bravo - super geschrieben und jedes Wort wahr!!! Anscheinend muss man sich erst kaputt wirtschaften bevor einem die Augen aufgehn, leider ist das meistens zu spät und die Leidtragenden sind die die am wenigsten dafür können....

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  2. Solche Superreiche leben doch schon lange nicht mehr in der Realität. Die residieren doch abgeschottet durch ihre Security in ihren Villen und haben vom Leben an der Basis gar keine Ahnung (wie übrigens auch unsere meisten Politiker). Da werden bedenkenlos die Mitarbeiter nach Gutdünken zu Tausenden rausgeschmissen, da man ja auch nicht Gefahr läuft, in der Schlange beim Bäcker neben so einem Rausgeschmissenen stehen zu müssen.

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  3. Zum Beitrag von "Nemo" 2.03./7.0 Uhr
    Dieser Beitrag ist der Beste und Treffendste was ich jemals irgendwo gelesen habe !!
    Dies gilt ja nicht nur für WB !
    Ich weiß ja nicht, wer der Verfasser ist, aber könnte man den Text nicht an Herrn Droege persönlich schicken ? Ohne Schaden zu nehmen ?

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  4. Frischgebackener LesensArt-Mitarbeiter3. März 2015 um 11:32

    Super Artikel!!!
    Aber welches Licht wirft es auf unsere Gesellschaft, insbesondere den vermögenden Teil dieser Gesellschaft, dass man Leuten, die an den Schalthebeln der (wirtschaflichen) Macht sitzen solche zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten erklären muss? Dinge, wie gegenseitger Respekt, Wertschätzung und Solidarität sind die Grundlagen unseres Zusammenlebens und "Redlichkeit" war einmal die oberste Kaufmannstugend!
    Es ist ein Elend, dass sich die sog. "Big Player" mittlerweile soweit von den gesellschaftlichen Normen und somit eigentlich sogar von der Zivilisation als solcher entfernt haben.

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  5. Das macht nun einmal den Kapitalismus aus ! Es geht nicht um Menschen oder Existenzen, es geht um Zahlen. Entweder die Zahlen sind gut (schwarz) oder schlecht (rot). Es gibt vielleicht hier und da Firmen die eine Ausnahme bilden, aber so funktioniert es halt bis zu einem bestimmten Punkt. Vielleicht würde man nicht anders handeln wenn man ein Unternehmen führt und viel Geld auf dem Spiel steht.

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  6. Das Problem sind doch eigentlich die Kapitalgesellschaften - bei einer "normalen" Firma geht es dem Chef darum, sich und im günstigen Fall auch seine Mitarbeiter möglichst gut über die Runden zu bringen. Bei einer AG ist das uninteressant, da zählen nur die Interessen von Sesselfurzern, die mit der Arbeit an sich gar nichts am Hut haben (heißen "Aktionäre"). Wenn man die Börsennachrichten hört kommt einem doch das kalte Grausen: Kaum verkündet ein Unternehmen, dass sie "leider" Mitarbeiter entlassen müssen, schon steigt der Aktienkurs und das Geschmeis reibt sich die Hände. ragt sich nur, wer daran noch etwas ändern soll!

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  7. "Könnte es sich nicht am Ende rechnen, faire Löhne zu bezahlen, die Mitarbeiter durch überdurchschnittliche Leistungen ans Unternehmen zu binden?" - wozu der Konjunktiv?
    Weltbild1.0 hat seine Mitarbeiter exzellent bezahlt und es hat sich nicht gerechnet...
    (Weitere Beispiele: In der DDR hatte jeder einen Job usw.)

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    1. Dass es sich bei Weltbild 1.0 nicht gerechnet hat, lag aber doch nicht daran, dass die Beschäftigten gut bezahlt wurden, zumindest nicht nur. Und wären die Kolleginnen und Kollegen nicht mit "ihrem" Unternehmen verbunden, hätten sie sich nicht so ins Zeug gelegt, dass es weiter geht.
      Die sog. "Big Player" haben auf Grund ihrer Stellung innerhalb des Wirtschaftssystems repektive Gesellschaft und ihrer prall gefüllten Portemonnaies die Bodenhaftung verloren und können sich nicht mehr in die Lege derer versetzen, die gefühlt meilenweit unter ihnen stehen und deren Bedürfnisse sich gewaltig von ihren eigenen unterscheiden.
      Das ist echt traurig.
      Danke für diesen tollen Artikel, der den Nagel auf den Kopf getroffen hat.

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  8. Da sind wohl manche exzellent bezahlt worden, aber das kann man nicht einfach verallgemeinern. Bloß weil die anderen noch schlechter zahlen, sind wir nicht gleich exzellent.
    Und gerechnet hat es sich viele Jahre lang, komisch, oder !
    Bis 2010 war doch alles gut oder haben wir erst ab 2010 exzellent gezahlt ?

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