Donnerstag, 13. Oktober 2016

ALSO-Logistik schließt – Tarifgespräche bei WELTBILD abgebrochen


Die Weltbild-Logistik schließt endgültig am 31. März nächsten Jahres. Das teilte Betriebsratsvorsitzender Peter Fitz heute der Belegschaft auf einer Betriebsversammlung in Lechhausen mit. Betriebsrat und Gewerkschaft haben seit der Insolvenz 2014 um den Erhalt der Logistik in Augsburg gekämpft.

Allerdings konnten sie nicht verhindern, dass die Logistik des Versandhändlers in eine rechtlich eigenständige Firma namens "ALSO Logistics Services" ausgegliedert wurde. Trotzdem gelang es der Interessenvertretung immer wieder, Fortführungsvereinbarungen für die Logistik auszuhandeln. Nach der – wie viele sagen: vorsätzlich herbeigeführten – Insolvenz der ALSO wurde in mehreren Schritten massiv Personal abgebaut. Am Ende blieben nur noch rund 280 von einst über 1.000 KollegInnen. Jetzt kam auch für sie das endgültige Aus.

ver.di: Verantwortung für das Desaster liegt in Düsseldorf

Gewerkschaftssekretär Thomas Gürlebeck von ver.di benannte laut und deutlich die Verantwortlichen für das Desaster: "Der Erfüllungsgehilfe von Walter Droege in Ausgburg, Geschäftsführer Hofmann, ist verantwortlich, dass ihr jetzt arbeitslos werdet." Die Entscheidung von WELTBILD, die Logistikdienstleistungen nach Tschechien auszulagern, habe das Ende der Logistik besiegelt. "Dabei hätte es viele andere und bessere Möglichkeiten gegeben, für die ver.di zusammen mit eurem Betriebsrat bis zuletzt gekämpft hat."

Betriebsrat: Abfindungen und Transfergesellschaft für die Betroffenen

Peter Fitz führte aus, was der Betriebsrat erreichen konnte: • Alle MitarbeiterInnen können bis Ende März bleiben, es gibt keine weiteren Entlassungen vor der Schließung. • Es wird Abfindungen geben, die den Rahmen des Insolvenzrechts maximal ausschöpfen. Die Auszahlung erfolgt aber erst in einigen Jahren, wenn der Betrieb komplett abgerechnet sein wird. • Alle KollegInnen erhalten das Angebot zum Übertritt in eine Transfergesellschaft, die bis Ende 2017 laufen wird. • Die Spedition A. Schmid, die einen Teil der Logistik-Dienstleistungen übernehmen wird, hat dem Betriebsrat garantiert, KollegInnen von WELTBILD einzustellen. Zunächst mindestens 15, später eventuell weitere. Das bekräftigte auch Personalvorstand Herbert Robel von A. Schmid, der auf Einladung des Betriebsrats an der Versammlung teilnahm.


Weitere Betriebsversammlung bei WELTBILD


Nach der Betriebsversammlung in Lechhausen folgte eine zweite Versammlung für die KollegInnen der WELTBILD-Verwaltung im Univiertel. Dort arbeiten die verbliebenen rund 300 MitarbeiterInnen der Verwaltung inzwischen. Im Mittelpunkt hier: Die psychische Gefährdungsbeurteilung, die auf Betreiben des Betriebsrats kommende Woche startet.

Psychische Gefährdungsbeurteilung startet nächste Woche

Ein wissenschaftlich qualifiziertes Institut wird zunächst einen Fragebogen im Internet freischalten, den jedeR MitarbeiterIn unter Wahrung vollkommener Anonymität ausfüllen kann. Basierend auf der Auswertung des Instituts werden noch in diesem Jahr Gespräche zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung folgen. Ziel: Die tägliche Belastung und Stressfaktoren für die ohnehin insolvenz-gebeutelte Belegschaft senken. "Die Qualität des Arbeitsplatzes wirkt sich nachweislich direkt auf die statistisch zu erwartende Lebenszeit aus", machte der stellvertretende BR-Vorsitzende Timm Boßmann die Bedeutung des Themas deutlich. Betriebsbrätin Manuela Natterer erläuterte anschließend Details zu der Untersuchung und dem Verfahren. Über den Start der Befragung wird in der kommenden Woche per E-Mail informiert. Der dort enthaltene Link ist auch vom heimischen Computer aus aufrufbar.

Logistik-Schließung gefährdet auch WELTBILD

Bei der Versammlung im Univiertel ergriff Thomas Gürlebeck erneut das Wort. Er schilderte nochmals eindringlich die Risiken, die für WELTBILD mit der Entscheidung verbunden sind, die Logistik nach Tschechien zu verlagern,: "Kein anderer Versandhändler tut das heute noch. Im Gegenteil: Jene, die ihre Logistiken früher einmal ausgelagert haben, holen sie gerade zurück, weil die Qualität leidet und die Kosten eher steigen als sinken." Als Beispiel nannte der Gewerkschaftssekretär den WELTBILD-Konkurrenten Amazon. "Die Geschäftsführung dort lehnt es strikt ab, Logistikkompetenz aus der Hand zu geben. Amazon geht den umgekehrten Weg und holt weitere Teile der Wertschöpfungkette Versand in den eigenen Konzern." Gürlebeck kann die WELTBILD-Entscheidung nicht nachvollziehen: "In jedem anderen Bereich nennt euer Management Amazon als Benchmark, aber ausgerechnet bei dieser lebenswichtigen Frage macht Amazon Unsinn?"

Tarifverhandlungen gestoppt


Die Schließung der Logistik gefährde das Unternehmen WELTBILD, machte Gürlebeck deutlich. Deshalb hat die Gewerkschaft ver.di jetzt auch Sondierungsgespräche zum Thema "Sanierungstarifvertrag" beendet. Die Geschäftsführung versucht seit einigen Wochen, mit ver.di einen Sanierungstarifvertrag zu verhandeln, der deutliche Einkommenseinbußen für die Beschäftigten bei WELTBILD zu Folge hätte. Unter anderem sollte es um das Urlaubs- und Weihnachtsgeld gehen. "Die Voraussetzung für weitere Beiträge der Beschäftigten zur Sanierung ist ein tragfähiges Zukunftskonzept für das Unternehmen. Das sehen wir im Moment nicht.", erklärte der ver.di-Sekretär.

Eine weitere Forderung sei die Rückkehr des Unternehmens in einen Flächentarifvertrag nach der Sanierung. Aber auch hier ist Gürlebecks Eindruck ausgesprochen negativ: "Die Zusicherungen eurer Geschäftsführung sind wenig glaubwürdig." Vielmehr sei man schon während der ersten Gespräche über widersprüchliche Aussagen der Arbeitgebervertreter gestolpert, die diese nicht auflösen wollten. Auch  deshalb habe die Tarifkommission sich einhellig für den Abbruch der Gespräche entschieden. Gürlebeck forderte die Geschäftsführung auf, ihre Hausaufgaben zu machen und sich das Vertrauen der ArbeitnehmerInnen zu verdienen: "Dann können wir uns im nächsten Jahr wieder an einen Tisch setzen."

Kommentare:

  1. Amazon als Benchmark? Dann liebe ver.di aber auch bei den Löhnen und Arbeitsbedingungen. Aber genau das habt ihr ja mit allen Mitteln verhindert. der Unternehmer geht immer dorthin wo es für ihn am "billigsten" ist, bekommt er es nicht, dann schliesst er den Laden eben. So oder so, ausbaden müssen es die Mitarbeiter.

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    1. 1. Nicht ver.di nennt Amazon als Benchmark, sondern Thomas hat darauf hingewiesen, dass unsere GF das ständig tut. Bitte genau lesen, bevor man irgendetwas kritisiert, was so nicht wahr ist und in dem Artikel auch so nicht steht.
      2. Wenn deine Einschätzung der totalen Übermacht der Arbeitgeber richtig wäre, hätten die Gewerkschaften noch nie etwas durchsetzen können: bezahlter Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitszeitbegrenzung, betriebliche Mitbestimmung… das würde es alles gar nicht geben. Ja nicht einmal Krankenkassen, auch die sind nur auf Betreiben der Gewerkschaften entstanden. Glaubst du wirklich, Arbeitgeber sind heute mächtiger als zu Zeiten, wo Gewerkschafter massenhaft weggesperrt und teilweise umgebracht wurden? Ein bisschen mehr Selbstvertrauen als Arbeitnehmer könntest du schon haben.

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    2. Punkt 2. sehe ich genauso. Ohne Gewerkschaft hätte es die Errungenschaften nicht gegeben. Mit Gewerkschaft gibt es jetzt gar nichts mehr. Auch ohne wegsperren.

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    3. Bitte nicht vergessen: Ohne den massiven Einsatz von Gewerkschaft und Betriebsrat, wäre Weltbild mitsamt der Logistik bereits 2014 komplett geschlossen worden. Das war nämlich der Plan, als der Insolvenzverwalter im Januar 2014 übernommen hat. Ohne die Gewerkschaft hätte es weder einen Versuch als Weltbild 2.0 + ALSO gegeben, noch hätte es die Kirchen-Millionen gegeben, mit denen die Betroffenen der ersten großen Entlassungswelle ziemlich komfortabel versorgt werden konnten. Dass der Laden jetzt derart gegen die Wand gefahren wurde, ist ausschließlich Walter Droeges Schuld, der sein Kaputt-Spar-Konzept gegen den erbitterten Widerstand von Gewerkschaft und BR durchgesetzt hat. Jetzt stehen wir erneut vor dem Trümmerhaufen. Immerhin zwei Jahre später, aber das ist zugegeben ein schwacher Trost.

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  2. Das ist mal toll die Mitarbeiter wo Ende Dezember 2015 gekündigt wurden, bekommen keine Abfindung!! Dass ist ja echt Klasse.

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    1. Das stimmt so nicht: Für die im Dezember gekündigten KollegInnen wurde im Sozialplan exakt dieselbe Abfindungsvereinbarung getroffen wie zur Schließung. Aber auch für diese Abfindungen gilt: Sie werden erst ausgezahlt, wenn der Betrieb vom Insolvenzverwalter komplett abgerechnet wurde. Das kann bis zu 5 Jahren dauern. Für jene, die geklagt haben, gilt: Es wird nichts ausgezahlt, bis die Klage entschieden ist. Danach wird die unter Umständen erklagte Abfindung auf die Abfindung nach dem Sozialplan angerechnet, das heißt von der Sozialplan-Abfindung abgezogen. Wer Fragen zu dem Thema hat, kann mich gerne ansprechen und ich erkläre das in einem persönlichen Gespräch.

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