Montag, 17. Dezember 2012

Amazon in Graben - wie werden die Mitarbeiter dort behandelt ?



Wie geht es den Mitarbeitern von Amazon in Graben ?

Die Gewerkschaft ver.di hat die Mitarbeiter von Amazon in Graben zur Teilnahme an einer Wahlversammlung am 19.11.12 zur Wahl eines Wahlvorstandes eingeladen.
Diese Wahl ist erfolgt und der Wahlvorstand wird nun die Betriebsratswahlen unverzüglich einleiten.
Das ist ein großer Erfolg für ver.di und die Mitarbeiter von Amazon in Graben.

Wir nehmen das zum Anlass, die Situation in Graben zu beleuchten.

Seit dem 1. September 2011 liefert Amazon auch aus dem Logistikzentrum in Graben (Landkreis Augsburg).
Rasant war die Bauzeit, rasant war die Steigerung der Mitarbeiterzahlen, es gab große Erwartungen an den neuen Arbeitgeber in der Region (Auf dem Lechfeld entstehen 1000 neue Arbeitsplätze (24.3.2011)).

1000 langfristige und 2000 Saisonarbeitsplätze sollten entstehen (Amazon verschickt erstes Päckchen vom Lechfeld aus (2.9.2011)).

Kaum war der Betrieb knapp 3 Monate am Laufen, gab es die ersten Probleme und Vorwürfe.
Amazon ließ sich einen Großteil der Arbeitnehmer von der Agentur für Arbeit in Augsburg vermitteln.
800 von 1900 vermittelten Personen wurden vom Arbeitsamt gefördert, d.h. die ersten ein bis zwei Wochen musste Amazon keinen Lohn zahlen, sondern sie bekamen Arbeitslosengeld.

Eine an sich sehr sinnvolle Maßnahme, die allerdings nur nötig wäre, wenn der Arbeitgeber den Arbeitnehmer sonst nicht einstellen würde.
Angesichts der hohen Zahl einzustellender Arbeitnehmer hätte Amazon wohl die meisten auch ohne Zuschuss vom Arbeitsamt engagiert.
Da hätte die Arbeitsagentur ruhig etwas pokern können.

In NRW versuchte übrigens Amazon, diese Förderung für dieselben Personen ein Jahr später noch einmal zu ergattern.
So kann man das Weihnachtsgeschäft fremd finanzieren (Vorwürfe gegen Amazon - und was dran ist (26.11.2011)).

Zwei Tage später waren wir schon bei 1300 von 2250 Beschäftigten, für die die Allgemeinheit die ersten 1-2 Wochen bei Amazon bezahlte.
Das ist auch nicht sehr erfreulich für die Konkurrenz, die ihre Mitarbeiter von Anfang an selbst entlohnen muss.
Die notwendige Einarbeitungszeit der Mitarbeiter wird eher niedrig geschätzt, auch ist es selbstverständlich, dass ein Unternehmen seine neuen Mitarbeiter einarbeiten muss, das gehört dazu und muss nicht von der Arbeitsagentur finanziert werden, sondern vom einstellenden Unternehmen (Arbeitsagentur zahlt für Amazon-Aushilfen (28.11.2011)).

Wieder einen Monat später gab es Beschwerden über systematischen Verzug bei den Lohnzahlungen für Saisonkräfte.
Wer seinen Lohn punktgenau am Letzten des Monats oder später bekommt, weiß, wie die Unternehmen um jeden Cent Zinsgewinn kämpfen, während der Arbeitnehmer mit einem ganzen Monat Arbeit in Vorleistung geht (Amazon in Graben: Mitarbeiter warten auf ihr Gehalt (18.12.2011)).

 Amazon produzierte auch gute Schlagzeilen - mehr Menschen als erwartet hatten Arbeit gefunden.
Thomas Gürlebeck von Verdi bemängelte, dass nicht alle von der Arbeitsagentur geförderten Langzeitarbeitslosen übernommen wurden.
Die Arbeitsbedingungen seien in vielen Punkten verbesserungswürdig und es soll noch 2012 ein Betriebsrat geschaffen werden (Amazon wächst schneller als erwartet (13.1.2012)).

Die dringende Notwendigkeit eines Betriebsrates erschließt sich aus Berichten über menschenunwürdige Behandlung der Mitarbeiter.
Es wird massiver Leistungsdruck ausgeübt, Mitarbeiter bekommen stündlich Nachrichten auf ihre tragbaren Computer, sie sollten schneller arbeiten.

Aus Bad Hersfeld wird berichtet, dass Kollegen ständig gesagt würde, sie würden unter dem Abteilungsdurchschnitt liegen.
Ein Durchschnitt hat es so an sich, dass immer jemand darüber und jemand darunter liegt.

Vollkommen unvorstellbar sind auch die weiteren Maßnahmen in Graben:
Wer redet, bekommt die gelbe Karte, nach 2-3 Ermahnungen folgt die rote Karte und die Drohung, das in die Personalakte aufzunehmen.
Wer zuviel Wasser trinkt oder zur Toilette geht, wird gerügt.
Fast täglich kippen Leute um und der Notarzt kommt.

30-40 km am Tag müssen manche Mitarbeiter laufen, das ist immerhin Marathondistanz, und das jeden Tag.
Die Mitarbeiter stehen unter dem Generalverdacht des Diebstahls und müssen auf dem Weg ins Lager und auf dem Weg in die Pause Metalldetektoren passieren.
Es gibt lange Schlangen, so dass von 35 Minuten Pause 15 Minuten für die Schleuse draufgehen.

Zitate: "Es traut sich doch keiner was zu sagen. Hier hat jeder Angst um seinen Arbeitsplatz." (Mitarbeiter).
"Amazon nutzt alle legalen Mittel aus - bis zum äußersten Rand" (Erwin Helmer, Leiter der Betriebsseelsorge).
Wie das in Graben weitergehen könnte, kann man im Amazon-Verdi-Blog nachlesen.

Hier schildern Kollegen die Situation in Bad Hersfeld.
Offensichtlich zahlt Amazon nicht nach Tarif, so dass die Mitarbeiter in allen Bereichen benachteiligt sind.
Es gibt geringeren Lohn,  weniger Urlaub, kein Urlaub- und Weihnachtsgeld, weniger Zuschläge und keine vermögensbildenden Leistungen.
Die Mitarbeiter haben seit 2006 auf eine Lohnerhöhung gewartet.

Inzwischen scheint es 2011 eine gegeben zu haben, danach betrug der Reallohnverlust seit 2006 immer noch 4 bis 7 Prozent.
2100 der 3700 Kollegen in Bad Hersfeld haben befristete Verträge.
Der Durchlauf (s.o.) ist enorm und Amazon sucht in einem immer größeren Radius nach Arbeitskräften, die noch nicht für das Unternehmen gearbeitet haben...

Im Amazon-Verdi-Blog nachzulesen:
Sehr eindrucksvoll ist der Vergleich Tariflohn und Amazon-Lohn.

Fazit:


Amazon in Graben braucht dringend einen Betriebsrat und eine starke gewerkschaftliche Organisation !


Kommentare:

  1. Mann sollte mal wieder eine Aktion bei Amazon machen um den zukünftigen Betriebsrat Hilfestellung zu geben und den Start zu erleichtern

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  2. ...ein Arbeitsverhältnis dieser Art und dazu befristet - sehr, sehr bitter!

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  3. die Frage ist doch: Wo kaufen wir ein? Mit Einkauf bei Amazon unterstützen wir natürlich solche Praktiken. Sind wir bereit etwas mehr Geld auszugeben, oder auf ein Päckchen einen Tag länger zu warten?

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    1. DAS ist eine gute Frage....der Mensch möchte Luxus, bequemes leben aber nur zum niedrigen Preis... Beides zusammen ist jedoch nicht realistisch

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  4. Diese Geiz ist Geil Mentalität/Gesellschaft ist mittlerweile leider überall angekommen. Wo ist die Persönlichkeit, das nette Gespräch geblieben?

    Wo es nur geht, unterstütze ich kleinere Betriebe. Die großen Betriebe interessieren sich nicht wirklich um Ihre Kunden. Nur die Zahlen sind wichtig.

    Zumindest meide ich Amazon und Weltbild!

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  5. Hallo Kommentator 17.12 11:07: Bei aller Kritik darf wirlich nicht vergessen werden das in Augsburg 2300 Kolleginnen und Kollegen in Lohn und Brot stehen. Bei Weltbild wird anständig bezahlt. Missstände gibt es, doch wir sind dran diese mehr und mehr zu beheben. Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten im Kundenservice Zentrum. Dort werden Reklamationen entgegen genommen. Umtausch ist bis zu 14 Tagen nach dem Erhalt der Ware möglich. Auch in Sachen Qualität bemühen wir uns sehr um gute Qualität anzubieten . Wer bei Weltbild einkauft macht nichts falsch. Kundenrezensionen im Internetshop werden sehr ernst genommen.

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    1. Stimmt, Umtausch ist mit 14 Tagen gegeben. Aber es ist wohl so, dass jeder unter Qualität unterschiedlich definiert.
      Zu den Kundenrezessionen: Hier stellt Weltbild wohl nicht wirklich jede dar. Gute Kommentare erschienen prompt, negative sehr spät bis gar nicht, so ist meine damalige Erfahrung gewesen.

      Was ich mit meinem vorherigen Kommentar mitteilen wollte. Ich nenne es mal, das Management!!! Diese Art von Personen bereichern sich auf Kosten der Mitarbeiter. Sowas ist mir ein Dorn im Auge!

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  6. Ich wundere mich immer wieder was in Deutschland alles möglich ist obwohl doch so vieles gesetzlich geregelt ist und obwohl wir eine Demokratie haben und wir Politiker wählen die eigentlich unsere Interessen vertreten sollten. Trotzdem ist es möglich das ein US amerikanischer Konzern nach Deutschland kommt und staatliche Hilfsgelder mitnimmt, Leute wegen Dehydrierung umfallen weil ihnen gedroht wird, wenn sie zu viel trinken. Also das erinnert mich wirklich an die Zustände der Sklaverei in den USA. Sind wir denn immer noch nicht weitergekommen? Haben Arbeitgeber alle Freiheiten gilt das Menschenrecht gar nichts mehr? Warum interveniert ein Horst Seehofer nicht auf höchster Ebene und packt sich das amazon Management am Kragen und weist sie auf ihre rechtlich vorgeschriebenen Fürsorgepflicht hin die sie gegenüber ihren Arbeitnehmern haben ? Hier werden doch Bürger dieses Freistaates Bayern gesundheitlich gefährdet obwohl sie ehrlich in die Arbeit gehen. Leider gibt es immer noch zu viele Bürger die diese CSU wählen. Ein wesentlicher Bestandteil der CSU Politik ist, das man Betriebsprüfer( Steuern ) reduziert und auch die Gewerbeaufsichtsämter werden finanziell
    ausgeblutet. Der Staat entzieht sich seiner Verantwortung für seine Bürger. Hauptsache Arbeitsplätze , wie die dann aussehen ist fast schon egal. Darum ist es absolut notwendig das engagierte Gewerkschafter dagegen vorgehen ebenso engagierte Betriebsräte. Wir müssen diese massiv unterstützen wenn sie ernsthaft und richtig handeln, was leider auch nicht immer der Fall ist.
    Wer solche Verhältnisse nicht länger hinnehmen will muss in die Gewerkschaft eintreten muss auch in die entsprechenden Parteien ( SPD , Linke , Grüne ) eintreten und dort laut vorbringen wie es in der Arbeitswelt aussieht. Wir brauchen mehr Kontrollen und wir brauchen die Möglichkeit der Anzeigen und Beschwerden OHNE das das Folgen für den Arbeitsplatz hat. Diese Gesetze sind notwendig. Sich immer weiter ins Private zurückzuziehen geht einfach nicht mehr.

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    1. In ganz Vielem gebe ich dir Recht, doch leider ist der Glaube an (falsche) Mythen noch immer sehr stark. Wenn man unter Demokratie verstehen will, dass das Volk lediglich alle paar Jahre wählen darf, von welcher Partei auch immer, mittlerweile austauschbar und jeder mit jeder per du, dann war‘s das eben. „Die da oben werden’s schon richten!“ – „Vater Staat kümmert sich um jeden.“ – davon haben wir uns doch sicher schon verabschiedet, oder?

      Und dass ‚Business‘ in den USA ein anderes ist als hier in einem anderen gesellschaftlich-sozialen System ist klar und sollte auch einleuchten, denn direkt vergleichen bzw. gleichsetzen kann man die Verhältnisse nicht zwingend. Der Vergleich mit Sklaverei in Amerika liegt aber in der Tat nicht weit: purer Kapitalismus, wenn Politik und Gesellschaft ihn denn zulassen, ist Ausbeutung aber auch bis ins Allerletzte. Und dabei geht man auch über Leichen – die Zustände weltweit sprechen Bände!

      Ganz wichtig sind in jedem Fall dort wie hier Solidarität unter Kollegen, in der Gewerkschaft, mit dem Betriebsrat. Vor allem aber auch Knowhow, Wissen über Politik und Gesellschaft, die Funktion menschlicher Systeme des Zusammenlebens. Und dazu hier ein paar Links für (weiter)bildungswillige und –hungrige Mitmenschen und Mitbürger (sehr zu empfehlen die Auflistung der Monografien des Herrn von Arnim, Verfassungsrechtler und Parteienkritiker, natürlich auch seine Vita selbst in Wikipedia):

      http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Herbert_von_Arnim
      http://www.mehr-demokratie.de/
      http://de.wikipedia.org/wiki/Volksentscheid
      http://www.demokratie-spiegel.de/direktedemokratie/bundestaglehntevolksentscheideab.html --> …ja warum wohl? ;-)
      http://www.stern.de/politik/deutschland/stern-umfrage-volksentscheide-auf-bundesebene-gewuenscht-1622845.html
      https://www.campact.de/campact/
      http://www.transparency.de/

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  7. Ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag !

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  8. Danke für die amüsante Abend Lektüre ....
    Selten soviel Quatsch gelesen,
    Hat ver.di es wirklich sooo nötig, das man die Wahrheit so großzügig auslegt?

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