Samstag, 22. Juni 2013

Durch die Hintertür: Weltbild ändert AT-Arbeitsverträge


Wenn die GewerkschafterInnen bei Weltbild einen neuen Gehaltstarif erstreikt haben, kriegen auch die AT-MitarbeiterInnen ihren Anteil vom Arbeitgeber. Alljährlich im Juni kommen der oder die ChefIn mit einer "Ergänzung zum Anstellungsvertrag" daher, in der ein neues, höheres Gehalt festgeschrieben wird. In diesem Jahr sind es rund 2%, um welche die übertariflichen Gehälter angehoben werden. So eine Vertragsänderung unterschreibt mensch doch gerne oder?!

Vorsicht Falle: Neue Klausel in der Vertragsergänzung
Heuer hat unser Arbeitgeber allerdings eine kleine Überraschung auf der zweiten Seite dieser "Ergänzung zum Anstellungsvertrag" versteckt. Dort wird die Auszahlung der sogenannten "variablen Entgeltbestandteile" neu geregelt. Hinter dem sperrigen Begriff verbergen sich Prämien, welche die AT-MitarbeiterInnen am Geschäftsjahresende erhalten, wenn sie bestimmte Ziel-Vorgaben erfüllt haben. Wie die ver.di-Blog-Redaktion erfahren hat, heißt es in diesem Absatz sinngemäß: Wer in dem zurückliegenden Geschäftsjahr länger als sechs Wochen krank war, kann seine Prämie (oder Teile davon) verlieren. Nach sechs Wochen endet nämlich die gesetzliche Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber, und man erhält ein leicht verringertes Einkommen von der Krankenkasse. Diese Krankheitstage sollen jetzt anteilig auch von der Zielerreichungs-Prämie abgezogen werden.

Das Gleiche gilt laut Vertragsergänzung auch für die Dauer von Elternzeit und unbezahltem Urlaub!

Krank? Futsch!
Prämien-Abzug nach 6 Wochen Krankheit: Ist das erlaubt?
Der Arbeitgeber hat sich nach unseren Informationen folgende Argumentation zurecht gelegt: Wer länger krank war, kann seine festgelegten Ziele nur unvollständig oder womöglich gar nicht erreichen. Für nicht erfüllte Zielvorgaben will Weltbild kein Geld ausgeben. Das klingt erstmal logisch, aber ist das auch richtig?

Zum einen ist es durchaus vorstellbar, dass der oder die MitarbeiterIn seine/ihre Ziele trotz Fehlzeiten erreicht. Gibt es dann das ganze Geld? Das ist in der Vertragsergänzung nicht geregelt!

Zum zweiten hat es nach der Einführung der variablen Vergütung 2005 viele Jahre lang Entgelt-Erhöhungen nur auf den Prämienanteil des Gehalts gegeben. Daher haben die meisten AT-MitarbeiterInnen einen hohen variablen Gehaltsanteil zwischen 11% und 14%. Bis zu einem Viertel dieser Prämie ist nicht von der Erreichung der persönlichen Ziele abhängig, sondern hängt am bilanzierten Geschäftserfolg des Unternehmens – also einer Größe, die der normale AT-ler in der Regel gar nicht beeinflussen kann. Ein Rechenbeispiel um die Sachlage zu verdeutlichen:

Jahresgehalt = 70.000 Euro
Monatslohn = 5.016 Euro
plus 14% Jahres-Prämie = 9.800 Euro
davon für erreichte Ziele: 7.350 Euro
Unternehmensprämie: 2.450 Euro

Da die Unternehmensprämie bei der aktuellen Geschäftsentwicklung ohnehin nicht ausgeschüttet wird, kann ein AT-Mitarbeiter nach der neuen Regelung im Krankheitsfall den Gegenwert eines Kleinwagens verlieren. Umgerechnet auf den Monatslohn sind das über 800 Euro weniger – jeden Monat. Ist das gerecht? Auf jeden Fall wären damit die Lohnerhöhungen von fünf, sechs Jahren faktisch futsch!

Was tun? Finger weg vom Stift!
Ihre Unterschrift ist wertvoll, die Rechtslage unklar: Wer an der falschen Stelle unterschreibt kann viel Geld verlieren. Wenn Sie Ihren Namen unter die Gehaltserhöhung setzen, wird auch die neue Klausel Bestandteil Ihres Arbeitsvertrages. Deshalb raten wir allen AT-MitarbeiterInnen: Machen Sie sich schlau, bevor Sie unterschreiben. Gewerkschafts-Mitglieder können eine kostenlose Rechtsauskunft über die ver.di-Rechtsberatung einholen, alle anderen sollten mit ihrem Anwalt sprechen!

Was unternimmt der Betriebsrat?
Arbeitsverträge unterliegen dem Individualrecht. Hier hat der Betriebsrat laut Betriebsverfassungsgesetz keine oder nur sehr geringe Einflussmöglichkeiten. Möglicherweise deshalb hat es der Arbeitgeber wieder einmal versäumt, den BR von der geplanten Änderung rechtzeitig zu informieren. Unsere Mitarbeitervertretung erfuhr erstmals durch die Nachfrage der ver.di-Blog-Redaktion von dem Thema. Trotzdem hat der BR Gespräche mit der Geschäftsleitung aufgenommen und wird versuchen, im Sinne der MitarbeiterInnen Einfluss zu nehmen. Wenn und was dabei herauskommt, werden wir hier berichten.

Was halten Sie von der Sache? Nutzen Sie den Link zum Kommentar-Formular unten. Sehr gerne dürfen Sie diesen Artikel auch anderen betroffenen KollegInnen weiterempfehlen. Dazu klicken Sie auf den kleinen Briefumschlag. Kommentieren oder Empfehlen: beides funktioniert auch völlig anonym.

Kommentare:

  1. Ein Projekt jagt das nächste. Arbeit ohne Ende… bis man krank davon wird. Und zum Dank ziehen sie's einem von der Prämie ab. Ich könnte kotzen!

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  2. nicht wirklich überrascht25. Juni 2013 um 11:01

    Zuerst stehlen Sie einem viele Jahre die Gehaltserhöhung und füttern sie in die sogenannte "Prämie" hinein und dann holen sie sich hinten herum das Geld auch noch zurück.
    Das ist, als ob ein Kranker in dem Jahr, in dem er krank ist, die restlichen Monate weniger Gehalt bekommen würde, weil er krank war.
    Sehr sozial ! Sehr katholisch !

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  3. Hallo Leute , ich finde das krank das hier die Wehwehchen von Leuten bemittleidet werden, die zu den Großverdienern in Deutschland gehören. Ab 40 000 EUR / Jahr gehört man nach der neuesten Studie des Institutes für deutsche Wirtschaft zu den oberen 10 % der Einkommen in Deutschland. Warum verzichtet ihr nicht einfach auf 10 000.- EUR im Jahr und arbeitet etwas weniger , so wird ein Schuh draus. Wer aber den Rachen nicht vollkriegen kann der muss auch hart schuften. Viel schlimmer finde ich es das hundertausende in Deutschland von ihren Vollzeitjob nicht leben können. Da muss angesetzt werden. Wer mal 70 000.- Jahr verdient der kann das auch reduzieren und steuern um seine Gesundheit zu schonen. Warum bekommen TG 1+2+3+4 +5 denn keine Prämie ? Haben wir etwa keinen Anteil am Erfolg ? Wie so oft schießt verdi hier mal wieder mit seiner total verfehlten Themenwahl den Vogel ab. Nichts wie raus aus diesem Verein!

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  4. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.
    Die "Prämie" wurde seit 2005 aus abgeschöpften Gehaltserhöhungen finanziert.
    D.h. 7 Jahre lang keine (!) Gehaltserhöhung, dafür aber eine Prämie, die der Arbeitgeber zahlen kann oder auch nicht.
    Soll das bei TG 1-5 auch gemacht werden ?
    Da würde man bei Weltbild offene Türen einrennen !
    Und: wenn es den "Großverdienern" bei Weltbild nicht mehr gefällt, gehen die Guten und die weniger Guten bleiben.
    Das wirkt sich dann irgendwann auch auf die aus, die keine "Großverdiener" sind.
    Eine Neiddebatte und gegeneinander ausspielen ist komplett fehl am Platze.
    Einzig die Gewerkschaft, und damit wir selbst, kann für steigende Löhne sorgen, sonst macht das niemand.

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  5. Ich kann aus Erfahrung berichten. Vorgesetzter lügt, dessen Vorgesetzter ebenso. Dazu kann man ein Großteil der Persoabteilung mit dazuzählen. Anstatt die WAHRHEIT zu sagen, versinken diese weiter in Widersprüche und merken wohl selbst nicht, was Sie von sich geben. Hält man uns für so DUMM?

    Mich wundert es nicht, dass es versäumt wurde den BR über Änderungen zu informieren. Für mich ist das Vorsatz!! Ich gehe sogar soweit und behaupte, es wird geplant den BR zu umgehen. Vielleicht komme man damit durch und wenn nicht, dann gibt es Plan B oder C als Entschuldigung. Das gleiche bekommen wir Mitarbeiter doch jedes Jahr bei den Gesprächen zu hören.

    BR tut mir bitte den Gefallen, diese Leute möchten es nicht Lernen! Greift härter durch, seit bitte nicht so verständnisvoll. Ich habe aus den letzten Jahren gelernt und Suche mir einen anderen Job. Schade um die netten Kollegen die ich habe, aber ich bin diese LÜGEN von oben einfach Leid. Jetzt verstehe ich auch, wie man mit der Zeit hier depressiv wird und langsam zum "Burnout" kommt.

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