Dienstag, 24. April 2012

Rettet Wohlthat! Offener Brief der Belegschaft

Die Berliner Buchhandelskette WOHLTHAT soll verscherbelt werden. Um jeden Preis. Und wenn sich kein Käufer findet, wird dichtgemacht. Ohne Erbarmen. (Wir berichteten.) Jetzt wendet sich die Belegschaft in höchster Not mit einem Offenen Brief an die Öffentlichkeit und die Gesellschafter: die katholische Kirche. Wir dokumentieren das Schreiben hier im Wortlaut:


Berlin, den 22.3.2012

An die Gesellschafter der DBH   

Sehr geehrte Damen und Herren, Eure Exzellenzen,

wir, die Belegschaft der Wohlthat Berlin, möchten uns auf diesem Wege an Sie wenden, um Sie zu bitten, uns nicht, zumal ohne betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, in die Arbeitslosigkeit zu schicken.

Im Jahr 2005 wurde die Wohlthat’sche Buchhandlung im Vorfeld der DBH Gründung 2006 zu 51 % von Weltbild Plus übernommen, im Jahr 2008 kaufte die DBH dann die restlichen 49 % und wurde somit alleiniger Anteilseigner.

Im Jahr des ersten Teilverkaufs war Wohlthat ein Unternehmen mit einer weitestgehend  ausgeglichenen Ertragslage. Leider verstetigte sich jedoch in den folgenden Jahren eine negative Ertragsentwicklung und stabilisierte sich auf erschreckend negativem Niveau.

Hierfür gab es sicher unterschiedliche Gründe, die zum Teil auch bereits durch den alten Eigner zu verantworten waren. Anstatt jedoch frühzeitig grundsätzlich umzustrukturieren und schonend zu sanieren, wozu man spätestens nach der 100%igen Übernahme alle Möglichkeiten gehabt hätte, wurden im Grunde genommen die Läden nur oberflächlich aufgehübscht und Symptome behandelt. Erst im Jahr 2009 zog man dann die Reißleine. Ein neues Geschäftskonzept wurde angekündigt, dass sich jedoch ausschließlich als radikale Personalreduzierung entpuppte, während tiefergehende inhaltliche Umstrukturierungen weiterhin unterbleiben.

Im letzten Jahr kam es dann zum nächsten Cut. Während die Filialen im Bundesgebiet von Jokers bzw. Weltbild übernommen wurden, wurden die Berlin/Potsdamer Filialen zur Wohlthat Berlin GmbH &  Co. KG und sollten im Paket  zum Verkauf gestellt werden.

Erst aus diesem Anlass schickte man uns mit den neuen Geschäftsführern nun endlich wirkliche Sanierer, die jeden Kostenposten prüften, entsprechende Maßnahmen einleiteten und tatsächlich schreiben wir jetzt wieder schwarze Zahlen.

Nachdem man in den letzten Monaten dann jedoch nicht gleich einen entsprechenden Käufer fand, will man nun Wohlthat nicht mehr, wie ursprünglich geplant, im Paket, sondern als Einzelstandorte verkaufen und dies durchaus auch an branchenfremde Interessenten, die nicht einen Kollegen, nicht eine Kollegin übernehmen werden.

Auch  jedwede Verlängerung von Filialmietverträgen wird inzwischen, unabhängig von den jeweiligen Ertragszahlen, grundsätzlich abgelehnt.

Als neueste Variante bietet man die Läden, für die es keine lukrativen Angebote externer Interessenten gibt, auch uns Mitarbeitern zum Kauf an. Doch natürlich müssten zunächst die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit aus diesem Angebot das zukunftsfähige Projekt eines echten „employee buy out“ werden könnte. Das lässt sich bisher leider überhaupt nicht erkennen.

Wie es aussieht, will man uns nun also um jeden Preis zerschlagen und so schnell als möglich abwickeln. Und all dies ohne Not, denn Wohlthat ist in Berlin eine gut eingeführte und bekannte Marke, wir schreiben schwarze Zahlen, und laut einer Dankesrundmail der Geschäftsführung zum gelungenen Weihnachtsgeschäft an die Mitarbeiter waren wir „… unter allen Filialkonzepten und Ländern … mit Wohlthat Berlin neben Jokers am erfolgreichsten“.

Wir finden, auch wenn wir nur noch 50 Beschäftigte in Berlin/Potsdam sind, ist es ein Skandal, dass unsere Arbeitsplätz ohne wirtschaftliche Notwendigkeit aufs Spiel gesetzt werden sollen. Wir möchten Sie daher bitten, Ihre Entscheidung zur Auflösung bzw. zum Verkauf von Wohlthat Berlin noch einmal zu überdenken und die Möglichkeit eines Weiterbetriebs unter dem Dach der DBH, ob als Wohlthat, Jokers oder Weltbild, zu prüfen,  zumindest aber doch zunächst die Mietverträge nicht defizitärer Filialen zu verlängern und in aller Ruhe weiter nach einem Käufer aus dem Buchhandelsbereich zu suchen, der auch willens ist, uns Mitarbeiter zu übernehmen.

Die Belegschaft der Wohlthat Berlin GmbH & Co. KG
c/o  Wohlthat Berlin GmbH & Co. KG
Betriebsrat
Schönhauser Allee 45
10435 Berlin

Kommentare:

  1. Hallo Berliner Kollegen!
    Euch ist schon klar, dass man euch nur aus einem Grund loswerden will: ihr habt einen Betriebsrat. Da könnt ihr noch so tolle schwarze Zahlen schreiben.
    Ihr seid einfach unbequem für die da oben.

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  2. Mein Vorredner hat sicher Recht, aber insgesamt ist das doch alles Ausdruck Deutscher LEIDKULTUR. Und solange in dem deutschen Ländle die Gewerkschaften sich nicht durchringen, endlich mal mit der Klassenfaust auf den Tisch zu hauen, das heißt im Klartext: GENERALSTREIK, ändert sich überhaupt nichts!
    Apropos Bücher - es wird in der Tat politisch, wenn ein faschistisches Standardschmutzwerk nun unter dem Vorwand, es zu bekämpfen, zum Schulbuch von Herrn Dr. Söder vorgeschlagen wird. Auch hier ist der demokratische Geist (volksherrschaftlich)der Buchhändler und Verleger angemahnt.


    Für den Schulgebrauch

    Deutschland, deine schlimmen Geister
    Aus den Flaschen, die entkorkt,
    Wohl von wem? dem Hexenmeister.
    Und sie fliegen immer dreister,
    Fanden westlich sich versorgt -

    Schwelen in Eliteköpfen;
    Flaschentrüb entweicht der Dampf.
    Brauner Satz in Suppentöpfen
    Nähret sich an armen Tröpfen
    Für den Schulgebrauch: »Mein Kampf«.

    Deutschland, deine Dichter, Denker,
    Lang beerdigt, dreh’n sich um,
    Denn der Hexenmeisterlenker
    Ist das Kapital - zum Henker!
    Massengräber schreien - stumm.

    Deutschland, willst du wieder erben
    Einen Totenkopf zum Schluß,
    Ganz Europa zum Verderben,
    Für den Wahn der Banken werben?
    Geld fließt ... fließt nicht Blut im Fluß?


    E.Rasmus

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  3. also, was der Söder hier zu tun tun hat, verstehe ich nicht. es geht um wohlthat. und da entpuppt sich das konzept der bischöfe und der geschäftsführung immer deutlicher: beide wollen, da sie nicht verkaufen können, weniger risiko. Dass der Buchhandel in einer großen krise ist, sieht jeder. und dass wohlthat sich zwar jetzt auf einer roten oder schwarzen 0 stabilisiert hat, wird nicht so bleiben, denn der schwund von buchverkaufsstellen wird weitergehen wie um 1900 der Schwund von Droschkenplätzen. Insofern ist der Abbau von Wohlthat sogar verständlich, auch wenn er schmerzt.

    Beim Abbau von Wohlthat wird es sicher nicht bleiben. Wenn die Richtlinie von Bischöfen und Geschäftsführung lautet "Verschlanken und aufs Kerngeschäft konzentrieren", dann wird es sicher auch in absehbarer Zeit Kidoh und Jokers treffen und auch Weltbild wird in ein paar Jahren nicht mehr das Weltbild sein, das wir kennen.

    Statt in die Vergangenheit zurückzublicken, sollte auch Verdi lernen, zusammen mit der Geschäftsführung neue Wege zu finden, das Unternehmen zukunftsfest zu machen. Nur zu jammern und an Überholtem festzuhalten, ist auch für die Gewerkschaft kein gangbarer Weg!

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  4. verdi mit Geschäftsführung verbünden?
    Da hat wohl jemand die Aufgabe von Gewerkschaften nicht verstanden.

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  5. @AnonymApr 27, 2012 10:48 AM: Natürlich zusammen mit der Geschäftsführung neue Wege finden, was denn sonst?! Diese Annahme, die vielen haben, dass eine Gewerkschaft immer nur im Kampf und grundsätzlich gegen die Geschäftsführung sein muss, nervt gewaltig. Sinnvoller ist eine gute, fruchtbare Zusammenarbeit statt ein langer kräftezehrender Kampf.

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    1. Pardon! fruchtbare Zusammenarbeit? Welche faule Frucht soll dabei herauskommen - vielleicht das schon mal zutiefst opportunistische "Bündnis für Arbeit"? Kapital und Arbeit - das ist wie Feuer und Wasser. Und wer das nicht begreift, macht sich überflüssig. Doch das dürfte wohl dem ursprünglichen Zweck der Klassenorganisation von Arbeitern und Angestellten absolut zuwiderlaufen, denn die Fruchtbarkeit - wenn wir bei diesem Terminus bleiben - ist nur im steten, dauernden Kampf mit den auf höchste Ausbeutung spezialisierten kapitalistischen Konzernen möglich. Nur darin profiliert sich eine starke Gewerkschaft, die Achtung als souveräner Interessenvertreter verdient sowie Solidarität der unter dem Kapitaljoch Leidenden erzeugt und selbst gestärkt erhält. Meine Solidarität gehört den Kämpfenden, nicht aber jenen, die auf Versöhnung aus sind mit "schönen" beruhigenden Redensarten um des eignen Pöstchens willen mit der Gunst von oben.

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