Bei der heutigen Betriebsversammlung der Verlagsgruppe WELTBILD kamen viele Themen auf den Tisch: • Gesundheitsmanagement • Taschendurchsuchung • Kantinenessen • Leiharbeit und die • Ansiedlung von Amazon in der benachbarten Ortschaft Graben. Der Betriebsrat hatte eine informative und unterhaltsame Veranstaltung mit zahlreichen Einlagen und mehreren Gastrednern vorbereitet. Bei der Belegschaft kam die kurzweilige Versammlung sehr gut an. Verwundert reagierten die rund 800 MitarbeiterInnen auf eine Aussage des obersten Geschäftsführers Carel Halff zum Thema Amazon. Der konkurrierende Versandhändler sucht mit Hochdruck Personal für sein Logistikzentrum, das in der Nähe von Augsburg gebaut wird. Die Geschäftsführung sieht die neue Konkurrenzsituation offenbar mit allergrößter Gelassenheit.
Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)
Als Fortsetzung des GRAziL-Projekts installieren Betriebsrat und Geschäftsführung derzeit gemeinsam ein ehrgeiziges Programm mit dem etwas sperrigen Namen »Betriebliches Gesundheitsmanagement«. Die BetriebsrätInnen Johannes Ihmenkamp, Tanja Sedlmeier und Angelika Jahnke stellten Inhalt und Ziele des Gesundheitsprogramms vor. Der Leiter der Unternehmensentwicklung, Matthias Haack, erläuterte die Organisation des Projekts. Geschäftsführung und Betriebsrat treiben die Arbeit mit großem Engagement gemeinsam voran und entscheiden gleichberechtigt über die zu ergreifenden Maßnahmen. Das BGM wird mit großem personellen Aufwand vorangetrieben – keine Selbstverständlichkeit in Zeiten knapper Mittel, wie Haack betonte. Im Unterschied zu GRAziL umfasst das BGM nicht nur die Bereiche Lager & Versand, sondern soll auch für zahlreiche Verbesserungen im Angestellten-Bereich sorgen.
»Meine Tasche gehört mir!«
Unter diesem Titel führten die Betriebsräte Peter Hellriegel und Raimund Wegemer einen pointierten Sketch auf. Die Einlage zeigte anschaulich, wie die Ausgangskontrollen ablaufen könnten, wenn es nach dem Willen der Geschäftsführung geht. Betriebsrat Timm Boßmann moderierte den Programmteil und machte deutlich, dass der BR ein weitreichendes Mitspracherecht bei der Gestaltung der geplanten Taschendurchsuchungen hat. Die zahlreichen kritischen Reaktionen der KollegInnen zeigten, dass vieles an den Plänen noch unausgegoren ist. Hier werden Betriebsrat und Geschäftsführung intensiv um eine Betriebsvereinbarung ringen müssen, die den Interessen des Unternehmens und dem der MitarbeiterInnen gleichermaßen gerecht wird.
»Uns schmeckt's nicht.«
Mit roten, gelben und grünen Kärtchen benoteten die MitarbeiterInnen das derzeitige Angebot des Kantinenbetreibers Eurest. Leider gab es überwiegend mittelmäßige und negative Noten für die Qualität des Mittagessens. Betriebsratsvorsitzender Peter Fitz sprach für den Kantinenausschuss: Offenbar muss man den Anbieter immer wieder unter Druck setzen, um zumindest eine kurzfristige Verbesserung der Qualität zu erreichen. Im Ausschuss will man jetzt gemeinsam mit Eurest nach Möglichkeiten für eine dauerhafte Verbesserung suchen.
Prekäre Beschäftigung bei WELTBILD
Obwohl die Kirchen eine klare Position zum Thema »Leiharbeit« vertreten, beschäftigt auch der katholische Arbeitgeber WELTBILD dauerhaft zwischen 300 und 1.600 LeiharbeitnehmerInnen. Dolores Sailer und Michael Haugg vom Betriebsrat stellten die unwürdigen Arbeitsbedingungen in einem kleinen Frage-und-Antwortspiel vor. Die LeiharbeiterInnen verdienen bei gleicher Arbeit deutlich schlechter als die Stammbelegschaft. Viele von ihnen sind trotz Vollzeitarbeit auf Hartz-IV-Zuschüsse angewiesen. Außerdem haben diese KollegInnen keinerlei Sicherheit für sich und ihre Familien, da sie permanent von kurzfristiger Kündigung bedroht sind.
Halff: »Gewerkschaften müssen bessere Tarife durchsetzen!«
Zum Thema Leiharbeit hatte der Betriebsrat die katholischen Betriebsseelsorger Erwin Helmer und Hans Gilg eingeladen. Die beiden Kirchenmänner verurteilten die Bedingungen der Leiharbeit aufs Schärfste und forderten WELTBILD als kirchliches Unternehmen auf, nach christlichen Grundsätzen zu handeln. Geschäftsführer Carel Halff misshagte die deutliche Kritik ganz offensichtlich. Er sieht die Verantwortung in der Politik und bei den DGB-Gewerkschaften, die entsprechende Tarifverträge zugelassen haben. Die Gewerkschaften müssten eben »ihren Job machen«, meinte Halff.
Außerdem verwies er darauf, dass WELTBILD im Januar 50 LeiharbeitnehmerInnen in feste Beschäftigungsverhältnisse übernommen habe, und kündigte für den Sommer die Übernahme von 50 weiteren KollegInnen an. Betriebsratsvorsitzender Peter Fitz begrüßte diese Planung, machte aber auch deutlich, dass der BR keine Einzelmaßnahmen zum Ziel hat, sondern die Bedingungen der Leiharbeit bei WELTBILD in einer Betriebsvereinbarung grundsätzlich regeln will.
»Angst vor Amazon, Herr Halff?«
Unter dieser Überschrift hatte der BR den Geschäftsbericht angekündigt. Er wollte wissen, was WELTBILD in der direkten Konkurrenzsituation tun wird, um wertvolle MitarbeiterInnen im Unternehmen zu halten. Angst ist dem WELTBILD-Geschäftsführer offensichtlich fremd. Konkurrenz belebe nicht nur das Geschäft, sondern sei auch positiv für MitarbeiterInnen und Kundschaft. »Wenn Sie bei Amazon einen besseren Job mit einem höheren Gehalt angeboten kriegen, bewerben Sie sich noch heute. Ich werde persönlich jeden beglückwünschen, der bei Amazon eine Stelle bekommt.« Diese Demonstration arbeitgeberischen Selbstbewusstseins wurde von der Belegschaft mit pikiertem Schweigen aufgenommen. Die nahe Zukunft wird zeigen, wieviele Ex-Mitarbeiter-Hände der Geschäftsführer demnächst schütteln muss. Nach Informationen des Betriebsrats haben sich bereits mehrere Dutzend KollegInnen beworben. Erste Verträge sollen schon unterschrieben sein.