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Donnerstag, 20. Dezember 2012

Im Glanz der Teelichter: Eine Art Weihnachtsgruß




Die  Adventszeit nähert sich ihrem Ende, meine Geduld mit unserem Adventskranz auch. Denn das durchaus attraktive Exemplar, das meine Frau am ersten Adentssonntag auf dem Küchentisch platziert hat, ist nicht mit normalen Kerzen bestückt, sondern mit Teelichtern. Und genau hier liegt das Problem.

»Bei einer Kerze ist nicht das Wachs wichtig, sondern das Licht«, meinte Antoine de Saint-Exupéry. Ich muss dem Schöpfer des kleinen Prinzen da widersprechen: Ohne brauchbares Wachs (und vor allen Dingen ohne einen brauchbaren Docht) kein Licht. Nur ein unbrauchbares Teelicht!

Immer wenn ich ein neues Teelicht anzünde, brennt der Mini-Docht entweder gleich komplett ab, so dass es nach wenigen Sekunden wieder zappenduster ist – oder der Lümmel brennt bis auf ein kleine Fitzelchen herunter: ein klitzekleines Dochtstängelchen, das mit Mühe ein winziges, kaum wahrnehmbares Flämmchen erzeugt. Aber nicht lange, denn recht schnell ist der Docht-Zwerg in geschmolzenen Wachsfluten versunken. Und wieder bricht Dunkelheit über unsere Küche herein.

Um am vierten Adventssonntag in den Genuss eines voll funktionstüchtigen, vierflammigen Adventskranzes zu kommen, haben wir uns eine Großhandelpackung Teelichter besorgt. Bald ist es ja soweit. Für den Katastrophenfall habe ich schon mal ein kleines Gedicht vorbereitet: »Advent, Advent, kein Lichtlein brennt …« Doch man soll ja positiv denken!

Kein leichtes Unterfangen in einer Zeit, wo die Medien vor dem Verzehr von Aventskalender-Schokolade warnen. Da ist es für mich auch kein Trost, das man – mit einem bisschen Glück – im Teig einer Tiefkühlpizza ein wertvolles Stück Metall finden kann. 

Trost finden lässt sich allerdings auf den Weihnachstmärkten – indem man von dem reichhaltigen Angebot alkoholhaltiger Heißgetränke Gebrauch macht. Nach einigen Bechern Glühtrunk ist die gute vorweihnachtliche Stimmung wieder da und der Ärger über nicht funktionstüchtige Adventsaccessoires vergessen.

Ärger könnte sich allerdings am nächsten Morgen einstellen, wenn der Schädel brummt und sich im Magen ein flaues Gefühl eingenistet hat. Ärger über sich selbst, weil man mal wieder einem seiner wichtigsten Grundsätze untreu geworden war: Nicht durcheinander trinken!

Früher wäre einem so etwas nicht passiert, als man auf den Adventsmärkten der Republik nur die Wahl hatte zwischen Glühwein oder Glühwein mit Schuss. Doch dann, Jahr für Jahr, wurde die Zahl der Heißgetränk-Spezialitäten und Glühwein-Varariationen immer größer. Und wer da zu einer gewissen Innovationsfreudigkeit neigt und sein Neugierde nicht im Zaum halten kann, den bestraft das Leben am Tag danach – mit einem ausgewachsenen Adventskater!

Da reicht schon eine eigentlich ganz unverdächtig klingende Kombination aus heißem Lumumba, weißem Bio-Glühwein, Schottischem Jägerpunsch und Bratapfel-Bowle, um mitten in der Nacht mit einem Höllendurst aufzuwachen. Zum Frühstück genügen dann zwei Aspirin und ein Glas Wasser völlig! 

Aber die Adventszeit mit all ihren schönen und weniger schönen Seiten ist ja bald vorbei. Dann erleben wir endlich den eigentlichen Höhepunkt, die heiligabendliche Bescherung – diesmal vielleicht mit einigen Überraschungen, damit es nicht zu langweilig wird.

An den Feiertagen machen wir es uns bestimmt gemütlich im Kreis der Lieben, da wird gesungen und geschmaust, gepokert und (Playstation) gespielt, da schauen wir uns den »kleinen Lord« im neuen Smart-TV an (leider noch ohne 3D), ich freue mich immer noch über die knallbunte Myboshi-Mütze von Tante Inge, die mit ihren gichtgeplagten Händen eigentlich nicht mehr stricken kann. Und meine Frau wird sicherlich über den in schwerem, goldenem Papier eingepackten Immerwährenden Kalender mit Weisheiten aus aller Herren Länder und klischeehaften Naturbildern schmunzeln: ein Geschenk, das zunächst unentdeckt geblieben ist, und für das jetzt niemand verantwortlich zeichnen will.

Vielleicht werde ich meiner Angetrauten dieses mysteriöse Geschenkbuch aus der Hand reißen, es aufschlagen und gleich auf einen Satz von Ringelnatz stoßen: »Die besinnlichen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr haben schon manchen um die Besinnung gebracht.« Aha.

Diese Weisheit werde ich erst einmal runterspülen müssen. Am besten mit einem ordentlichen Schluck aus der Obstlerflasche, eine feine Spezialität, die Onkel Paul mir – wie jedes Jahr – zum Fest der Liebe geschenkt hat. Zum ersten Mal werde ich den atemraubenden Rachenputzer zu schätzen wissen … Aber eventuell wird alles auch ganz anders, viel viel schöner. Think positive, boy!

Die Verdianer und Verdianerinnen von Weltbild wünschen allen Kolleginnen und Kollegen ein gemütliches, friedliches Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue Jahr. Und haltet die Ohren steif!

Freitag, 27. Juli 2012

Das Wort zum Freitag: Gab’s da nicht ein Sommerfest?

Nein, dieses Jahr wird es kein Weltbild-Sommerfest geben! Nach der letzten Betriebsversammlung steht das definitiv fest. Das Gerücht geisterte bereits seit einiger Zeit über die Flure des Hauses. Doch erst auf Nachfrage bei der Betriebsversammlung hat die Geschäftsleitung sich dazu vor der Belegschaft geäußert.

Niemand verpflichtet Weltbild ein solches Fest auszurichten. Aber es hat bei Weltbild seit vielen Jahren Tradition. Und wenn es ausfällt, schürt das Unruhe unter der Belegschaft: Steht es so schlecht um das Unternehmen? Drohen einschneidende Kosteneinsparungen? Geht man bald wieder mit dem Rotstift durch die Abteilungen?

Durch ihr langes Schweigen befördert die Geschäftsleitung, ob wissentlich oder unwissentlich, solche Befürchtungen. Jetzt also die Erklärung: Die Gründe für die Absage sollen vielfältiger Natur sein. Sieh an! Eine wesentliche Rolle spielt wohl, dass Herr Jansen dieses Frühjahr in Rente ging, der das Fest über Jahre federführend organisierte, und in dessen Fußstapfen bislang niemand treten wollte oder konnte.

Mal angenommen, man hätte auf der Betriebsversammlung nicht explizit nachgefragt: Wann wäre es der Geschäftsleitung eingefallen, von sich aus über die Absage des Festes zu informieren? Womöglich erst ein halbes Jahr später bei der Weihnachtsfeier mit dem lapidaren Satz „ … und wie Sie vermutlich wissen, ist das Sommerfest dieses Jahr ausgefallen …“

Der Umgang mit dem Thema Sommerfest ist geradezu symptomatisch für die Informationspolitik innerhalb des Hauses. Hier wäre man gut beraten, in Sachen „interne Kommunikation“ ordentlich nachzubessern. Gibt es denn nicht etwa auch den „Flurfunk“ in gedruckter Form als Medium?

Immerhin gab es auf der Betriebsversammlung die Ansage, dass die Tradition des Sommerfestes grundsätzlich beibehalten werden soll. In Ordnung. Wir warten mal das nächste Jahr ab. Die Belegschaft hätte es sich verdient!

Freitag, 25. Mai 2012

Das Wort zum Freitag: Was uns bewegt



Was brennt uns Deutschen momentan auf den Nägeln? Welche Themen werden zur Zeit besonders heiß diskutiert? Auf welche Fragen gibt es so gegensätzliche Antworten, dass sie das Potenzial besitzen, die deutsche Nation zu spalten? Ich hätte da ein paar Vorschläge …

1. Soll Bundeskanzlerin Merkel zur Beschleunigung der lahmen Energiewende die Stelle eines Sonderbeauftragen der Bundesregierung für die Planung und den Bau von Gaskraftwerken ins Leben rufen? Soll sie diesen Posten dann mit Gerhard Schröder besetzen?

2. Sollen wir aus Solidarität mit dem gebeutelten und verunsicherten griechischen Volk beim nächsten Besuch eines griechischen Restaurants in deutschen Landen auf den ersten Umsonst-Ouzo (den vor dem Essen) verzichten?
Oder sollen wir auf das übliche kleine Trinkgeld noch ein paar alte Drachmen-Münzen, die wir in einem verstaubten Koffer auf dem Dachboden gefunden haben, drauflegen?

3. Haben die lobenden Worte und innigen Dankesformulierungen unseres Bundespräsidenten bei der Verabschiedung Norbert Röttgens als Bundesminister ausgereicht? Oder hätte Gauck nach der Aushändigung der Entlassungspapiere an Röttgen Kanzlerin Merkel noch eine saftige Ohrfeige geben sollen?

4. Soll das Ausgraben von Elfmeterpunkten auf einem Fußballfeld während des Spiels unter Strafe gestellt werden – oder soll die Souvenir-Fan-Aktion nur sanktioniert werden, wenn sie den Torwart beim gegnerischen Sturmlauf auf sein Gehäuse stark irritiert oder gar die Sicht versperrt?

5. Sollte der Verkauf von bengalischen Feuern (auch »Düsseldorf-Bengalos« genannt) nur dann erlaubt sein, wenn der Kaufinteressent nachweisen kann, dass er eine Grundausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr absolviert hat und nicht Mitglied eines Fußballvereins ist?

6. Soll Joachim Löw noch einen vierten »Notnagel«-Stürmer mit zur EM nehmen, falls Klose sich im Training verletzt, Gomez in einer Psychokrise steckt und Cacau außer Form ist? Und soll dieser Stürmer ein Goalgetter sein, der über Erfahrung verfügt und trotzdem noch nicht zu alt zum Ausdribbeln und coolen Einnetzen ist  – ein torgefährlicher Routinier also wie der 37-jährige ehemalige Bayern-Profi und Ex-Nationalspieler Carsten Jancker (der sich mit Tischfußball und Milchschnitten fit hält)?

7. Darf der frisch verstorbene Robin Gibb (einer der »Beegees«-Gesangesbrüder) in den Rockhimmel eingelassen werden und bei der 27er Allstar-Band (J. Hendrix, J. Joplin, B. Jones, J. Morrison & A. Winehouse) die hohen Noten im Backing-Vocal-Chor singen? Oder soll er nur eine Aufenthaltsgenehmigung fürs SS (Schnulzen & Schlager)-Fegefeuer erhalten – und Roy Black, Rex Gildo, Bernd Clüver, Barry Manilow, Al Martino und anderen Seicht-Matrosen Gesellschaft leisten?

8. Soll jeder Weltbild-Mitarbeiter, der kein Leitender Angestellter ist, verpflichtet werden, an der Zeiterfassung teilzunehmen und eine Stempelkarte zu benutzen? Und soll er jedes Jahr 10 Plusstunden extra auf sein Arbeitszeitkonto bekommen, wenn er Mitglied der Katholischen Kirche ist (und 20, wenn er früher mal Ministrant war)?

Ich freue mich auf Ihre Antworten, ehrlich!

Freitag, 6. April 2012

Das Wort zum Freitag – Die Mitleids-Partei

Früher trug die sich liberal nennende Partei Deutschlands noch drei Pünktchen im Namen (F.D.P.), heute erreicht sie in Umfragen kaum noch drei Prozent. Ist es die pure Lust an der Selbstzerstörung, die freiheitliche »Spitzenpolitiker« umtreibt, oder führt eine geradezu pathologische Borniertheit gepaart mit krampfhafter Bockigkeit dazu, dass Rösler, Zeil, Döring und andere Partei-Strategen sich als Kamikaze-Piloten versuchen?

Erst lassen sie als aufrechte Ordungspolitiker die Transfergesellschaft für die Schlecker-Frauen platzen – und dann äußern sie Verständnis für die Schweizer Haftbefehle gegen deutsche Steuerfahnder. So wird euer Kampf ums politische Überleben mit Sicherheit scheitern, liebe Freidemokraten – und das alte Etikett »Partei der Besserverdienenden« erlebt ein fröhliches Revival. Mit dem Standpunkt »der freie Markt wird’s schon richten« und der unkontrollierten Ausdünstung sozialer Kälte ist zur Zeit beim Wahlvolk kein Blumentopf zu gewinnen.

Dass die »Protestpartei« der Piraten jetzt mehr und mehr urliberale politische Positionen besetzt und ihre Umfragewerte in die Höhe schnellen, dürfte die Existenzangst der FDP-ler noch verstärken. Und vielleicht gibt es ja auch schon Zahnärzte, Steuerberater oder Immobilienmakler, die sich ernsthaft die Frage stellen: Wozu brauchen wir die FDP eigentlich noch? Ja wozu eigentlich? …

Man kann der FDP durchaus vorwerfen, dass sie im Laufe ihrer bundesrepublikanischen Geschichte immer wieder mal abrupte Kurswechsel und radikale Schwenks vollzogen hat, um an der Macht zu bleiben oder an selbige zu gelangen. Doch früher hatte die Partei noch Charakterköpfe in ihren Reihen, Politikerinnen und Politiker mit Profil, Ecken und Kanten und rhetorischen Qualitäten: so sehr man auch über Inhalte und Ziele ihrer Politik streiten mochte.

Ich denke da an Mischnick, Hirsch und Baum, Hamm-Brücher und Graf Lambsdorff – und sogar an den »Riesenstaatsmann Mümmelmann«, wie Franz-Josef Strauß einmal – herrlich despektierlich – Jürgen Möllemann bezeichnet hat. Der 18-Prozent-Jürgen war ja furios durchgestartet und hatte die Partei so richtig aufgemischt, war dann allerdings recht unsaft gelandet.

Doch wie ist es um das liberale Partei-Personal von heute bestellt? Ich da sehe nur Nasenbären wie Rainer Brüderle, den Schwarm aller Weinköniginnen, Fahrerflucht-Spezialisten und Provokateure wie Patrick Döring, nette Jungs von nebenan wie Philipp Rösler und Schnellaufsteiger wie Daniel Bahr, der auf seiner persönlichen Homepage verlauten lässt: »Meine mich antreibende liberale Motivation war und ist die Freiheit des Bürgers und dessen Bewahrung vor staatlicher Bevormundung.« Auf einen Politiker, der zu einer solch intellektuellen und zukunftsweisenden Offenbarung fähig ist, kann unsere Demokratie nicht verzichten!

Falls die Liberalen sich (wider Erwarten) doch noch berappeln werden und ihnen der Einzug in das ein oder andere Parlament gelingen sollte, wäre meines Erachtens dafür vor allem ein Faktor verantwortlich: das Mitleid der Wähler. Denn wer könnte wirklich einen weinenden Philipp Rösler ertragen, der mit tränenerstickter Stimme und beschlagener Brille in die Mikros nuschelt: »Der liberale Gedanke lebt weiter!«

Freitag, 24. Februar 2012

Das Wort zum Freitag: Zeit für den Freiheitskämpfer

Es ist geschafft. Der Bundes-Schnorrer mit dem Uneinsichtigkeits-Tick hat gekündigt – und bekommt trotzdem volle Stütze ohne jegliche Sperre: »Ehrensold«, was in der Summe nur etwas über dem liegt, was eine ausgebrannte Krankenschwestern nach ihrer Demission an Hartz-IV-Kohle erhält.

Für den Erfinder des »Wulffen«, der stets auf seine Freiheit pochte, sich die Freunde selbst aussuchen zu dürfen, geht jetzt ein erfahrener »Freiheitskämpfer« als Königsersatz an den Start – nachdem der erste Versuch, Staatsoberhaupt zu werden, ein glatter Fehlstart war.

Joachim Gaucks »Thronbesteigung« am 18. März, die er ohne das Zepter der Macht absolvieren muss, ist mit einer hohen Erwartungshaltung verknüpft, die dem Handlungsreisenden in Sachen Demokratie und Freiheit keinen leichten Job bescheren wird. Ich wäre allerdings schon zufrieden, wenn sich über Gauck am Ende seiner Amtszeit sagen ließe, er habe sich als »anständiger Kerl« erwiesen.

Sekunden nach seiner Nominierung hatten sich bereits die ersten Nörgler und Miesmacher zu Wort gemeldet: Noch ein Ossi an der Staatsspitze wird da gemosert; schon wieder ein Protestant, der über Ethik schadroniert und Freiheit predigt – selbst aber Wein trinkt. Das geht dem katholischen Bierliebhaber, der sich nach sonntäglichem Kirchgang inklusive Beichte am Wirtshaus-Stammtisch über die geplanten Windräder in seinem Heimatforst aufregt und mit aufgeblasenen Backen für jeden Pups einen Volksentscheid fordert, natürlich viel zu weit. Und in »wilder Ehe« lebt er ja auch, der Ungläubige.

Von einem Pastor aus Mecklenburg, der in seinem aktuellen Buch auch noch behauptet, Freiheit sei das Allerwichtigste im Zusammenleben, lässt er sich nicht belehren, worauf es im Leben ankommt – und wie er Freiheit zu verstehen habe. Und falls unser gestandener Mann des richtigen Glaubens sich doch noch auf eine Diskussion über den Freiheitsbegriff einlassen sollte, nach der vierten Maß Bier vielleicht, würde er wahrscheinlich den guten alten Immanuel Kant aus der Tasche ziehen – denn so ungebildet ist er nun auch wieder nicht, der Katholik! Und er würde sich den Bierschaum vom Mund wischen und vielleicht, zur Überraschung Joachim Gaucks, sich so zu Wort melden:

»Kant hat gesagt, Freiheit sei nur durch Vernunft möglich. Wenn das so wäre, dann müssten die milliardenschweren Dauerüberweisungen an die griechischen Schuldenspezialisten im Auftrag der Junta einer Militärdiktatur erfolgen. Und dann müsste das Anlegen des Sicherheitsgurtes in meinem BMW-SUV bei mir ein lupenreines, nicht zu übertreffendes Freiheitsgefühl auslösen, so wie es ein Freikörperkultur-Camper zu Erich Honeckers Zeiten jenseits des eisernen Vorhangs in seinen Betriebsferien am Ostseestrand erlebt haben mag. Ober, noch eine Maß, bitte!«

Gauck, säße er jetzt mit am Stammtisch, würde an seinem fränkischen Müller-Thurgau nippen und entgegnen, das sei ja ein ganz und gar falsches Verständnis von Freiheit. Und er würde zu einem verbalen Rundumschlag über die Unfreiheit in der ehemaligen DDR ausholen. Aber unser Katholik würde die philosophisch-historische Vorlesung des künftigen ersten Mannes im Staate im Keime ersticken, indem er, frisch gestärkt mit einem doppelten Enzian, die Jean-Paul-Satre-Karte zieht. »Satre, ein durchaus kluger Kopf, hat doch behauptet, der Mensch sei zur Freiheit verurteilt. Er sei sozusagen der Schöpfer seines Wesens, der alle Entscheidungen nicht nur treffen kann, sondern sogar muss.«

Zur Freiheit verurteilt! Da würde Herr Gauck doch noch einmal näher darüber nachdenken müssen, da hätte er doch Probleme, gleich etwas Kluges zu erwidern. Und vielleicht würde er sich jetzt die Freiheit nehmen, schnurstraks die Toilette aufzusuchen, um durchs Klofenster das Weite zu suchen – bzw. die Freiheit jenseits eines bayerischen Wirtshaustisches, wo die Realität eine ganz andere ist, als er sich das vorgestellt hat. Abgesehen vom enormen Bierkonsum natürlich!

Auf dein Wohl, Joachim. Aber du bist ja noch lernfähig! Und vergiss nicht, einen guten Medienberater zu engagieren. Sei so frei!

Freitag, 27. Januar 2012

Das Wort zum Freitag: Spargel-Downtime in der Tiefgarage


E-Mail-Alltag bei Weltbild


Büroarbeit ohne E-Mails? No way! Doch die Nutzung eines elektronischen Nachrichten-Systems ist nicht nur für die zuverlässige Erledigung des Jobs unabdingbar, sondern sorgt auch viel Kurzweil und Abwechslung. E-Mails sind das Salz in der Arbeitsalltags-Suppe!

Es kommt immer wieder vor, dass E-Mails eine Art DNS des Bürotages bilden, dem grauen Joballtag Farbe verleihen, dem faden Arbeitscocktail mit Absonderlichkeiten, Rätselhaften und Komischem Geschmack und Würze verleihen. E-Mails können Emotionen wecken, können uns zum Lachen bringen – oder zum Weinen.

Hier eine Auswahl von E-Nachrichten, die an einem ganz normalen Arbeitstag so eintrudeln:

»Der schwarze Golf mit dem Kennzeichen A – XY 666 wurde angefahren …« – eine Meldung von den Zentralen Diensten. Da hat wohl wieder jemand vor der alten Kantine geparkt. Klar, dass sein Volkswagen dort für die LKW-Piloten Freiwild ist!

»Wartungsarbeiten am Speicher-System (NAS) am Sonntag von 8.00 bis 13.00 Uhr.« Erstens kenne ich nur NASA, und zweitens gibt’s für meine Sunday-morning-Programmierung nur zwei Einstellmöglichkeiten: Schlafen oder Frühschoppen.

»Kurzfristige Downtime WBMS-System SOFORT!« Ein Klassiker der DTP-Hotline. Manche sagen auch: Running gag! Dabei ist es bitterernst, wenn das besagte System streikt. Kaffeeholen ist angesagt. Das Koffein und der Begriff »Downtime« regen meine Fantasie an: Downtime, Showdown, High Noon, Shootout, Rauchende Colts, durchgebrannte WBMS-Sicherungen, Einschusslöcher im Server … Aber alles nur ganz kurzfristig!

»Spargel« – für viele eine erlösende Nachricht vom Buchladen-Team! Endlich wieder »Klasse 1 weiß dick« oder – für 2 Euro das Kilo billiger – die »Hofsortierung«; was immer das auch bedeuten mag. Ich esse lieber Brokkoli.

»Neues Faxgerät«, mailt uns eine Abteilungs-Kollegin. Halleluja! Nachdem es auch der letzte technisch wenig talentierte Kollege endlich geschafft hat, das zu faxende Blatt mit dem Aufdruck oben einzulegen, ist das Handling beim neuen Gerät jetzt wieder genau umgekehrt. Aber wir sind ja flexibel – und alte Gewohnheiten haben wir ruckzuck abgelegt … hahaha! (Seit gestern gibt es schon wieder einen neues Gerät, das Faxen macht: jetzt wieder von oben – oder unten?

»Fahrrad in TG.« Ja wie? Ach so: TG bedeutet Tiefgarage. »Wer hat ein Fahrrad auf dem TG-Stellplatz 13 abgestellt?« Ich war’s nicht. Und wenn ich so etwas machen würde, dann sicherlich nicht auf Nr. 13!

»Schweizer Schoki.« Eine wirklich verführerische Meldung. Unser lieben KollgenInnen aus der Schweiz haben uns wieder einen großen Karton Mini-Schokolädchen mitgebracht. Leider ist der Vorrat zu 99 % aufgebraucht, wenn mich diese Nachricht erreicht. Höchstens ein paar Zartbitter-Ladenhüter sind noch übrig. Wie schokogeil kann eigentlich eine Weltbild-Abteilung sein? …

»Zeitwirtschaft – spätestes Arbeitsende 16:52 Uhr«. Dieses E-Mail hat mir nicht meine Stammkneipe gesendet, sondern die um mein korrektes Arbeitszeit-Handling besorgte Personalabteilung. Ein wirklich netter Zug von den KollegInnen im Altbau, merci! Leider decken sich meine Pläne nicht mit den Empfehlungen: Ich mach’ nämlich heute schon viel früher Schluss – wenn nicht noch der Papst stirbt!

Bis ich den Computer runterfahre, treffen natürlich noch jede Menge wichtiger E-Mails ein. Es sind die üblichen Verdächtigen aus der beliebten Rubrik »Vermisst, verloren, verschollen, gefunden«. Da geht es um fast alles, was nicht niet- und nagelfest ist: von der Geldbörse über die Lesebrille bis zur Halskette. Außerdem die verzweifelten Hilferufe, wie z.B.: Wo ist bloß der Urlaubsplan, wer hat meinen Handwagen gesehen, wo hat sich das Schneidebrett versteckt?

Und dann noch das ganz alltägliche E-Mail-Graubrot – das übliche Nachrichtenfutter halt: Terminverlegungen, runde Jubiläen und Geburtstage, defekte Drucker, Katalog-Umpaginierungen, Ein- und Ausladungen etc. pp.

So, für heute ist das genug E-Traffic. Halt – schnell noch das eine Mail, das soeben frisch eingetroffen ist. »Neue Ausgabekennzeichen«. Na prima!

Freitag, 30. Dezember 2011

Das Wort zum letzten Freitag des Jahres 2011: Himmel & Hölle

Gleich hier am Anfang die positive Botschaft zum Jahresausklang: Hurra, wir leben noch! Deutschland ist 2011 Export-Vizeweltmeister, und in den Augsburger Weltbild-Hallen werden noch fleißig Kartons gepackt – hoffentlich auch noch in den nächsten Jahren (aber das liegt in unserer Hand!)

Jetzt die schlechte Nachricht: Berd Clüver ist tot! Bereits im vergangenen Sommer stürzte der »Junge mit der Mundharmonika« auf Mallorca eine steile Treppe hinunter – mit fatalen Folgen. Trost für alle Clüver-Fans: Im Schlagerstar-Himmel ist Bernd jetzt sicherlich »der kleine Prinz« und braucht fürs Bier nichts zahlen.

Von welchen bedeutenden Persönlichkeiten mussten wir 2011 eigentlich noch schweren Herzens Abschied nehmen? Natürlich von Loriot! Ohne ihn wüssten wir heute nicht, dass Hunde sprechen können – und was einen echten Kosakenzipfel ausmacht.

Die Trauer über das Ableben von Kim Jong Il hält sich dagegen in Grenzen. Schließlich hat sich sein Sprössling Kim Jong Un bereits selbst als »oberster Führer« Nordkoreas zum Nachfolger erklärt – was hoffen lässt, dass der Bau der Atombombe weiterhin zügig vorangetrieben wird. Für die Silvesterknallerei 2012 wird’s aber wahrscheinlich nicht mehr reichen!

108 Jahre: Das ist wirklich eine starke Leistung, lieber Johannes Heesters! Toll, dass du jetzt zusammen mit Amy Winehouse und Franz-Josef-Degenhardt auf der himmlischen Bühne ein Musical aufführen willst. Doch den Titel würde ich noch einmal überdenken, verehrter Jopi. »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern im Maxim« klingt ein wenig anzüglich, oder?

Ein großer Sportsmann, der richtig ‘was einstecken konnte, hat im November den irdischen Boxring verlassen: Joe Frazier, der nicht nur 1975 (gegen Muhammad Ali) den »Kampf des Jahrhunderts« führte, sondern auch singender Frontman in der Rockband »Knockouts« war. Jetzt wartet der Christ »Smokin’ Joe« darauf, dass ihm der Moslem Ali möglichst schnell ins ökumenische Paradies folgt. Denn die I.I.A. (Interkonfessionelle Invent Agentur) hat bereits massenhaft Karten an die himmlischen Heerscharen verkauft: natürlich für eine Neuauflage des »Thriller in Manila«. Während des Kampfes soll übrigens an die Zuschauer gratis Manna verteilt werden, hat mir ein Erzengel verraten!

Gratis telefonieren darf sicherlich jetzt auch Steve Jobs – wenn er Pech hat aber nur mit einem Samsung-Smartphone. Das hätte er natürlich nicht verdient, der Schutzpatron aller Technikfreaks mit Sinn für Lifestyle. Im Himmel soll Mr. Jobs übrigens bereits an einer neuen bahnbrechenden Erfindung tüfteln: dem »i-sin«.

Steve hat dabei ein kleines, wäscheklammerähnliches Gerät im Sinn, das frisch Verblichenen, die an der Himmelspforte um Einlass bitten, von Petrus ans Ohrläppchen geklemmt wird. Das i-sin soll dann auf seinem Mini-Display den kummulierten Sündenwert anzeigen, eine Zahl zwischen 1 und 100. Damit hilft es es bei der oft schwer zun treffenden Entscheidung, ob der Verstorbene in den Himmel aufgenommen werden kann – oder ob er eher ins Fegefeuer oder gar in die Hölle abgeschoben wird.

Im Himmel relaxen und frohlocken darf jetzt auf jeden Fall Vaclav Havel. Als Rockmusikfan sowie Gastgeber von den Rolling Stones und Frank Zappa hat sich der frühere tschechische Präsident einen gemütlichen Ruhestand mehr als verdient.

Einen geruhsamen Jahresausklang verdient haben sich alle Weltbild-Kolleginnen und -Kollegen! Nach all dem Stress und den Aufregungen in den letzten Wochen und Monaten wünschen wir Blogger/innen allen einen guten und optimistischen »Rutsch« ins neue Jahr. Wir Gewerkschafter werden auch 2012 alles dafür tun, dass die Zukunft für die treuen, engagierten und fleißigen Weltbildler/innen (vertraglich) gesichert werden kann. Darauf jetzt schon mal ein Gläschen mit diesem perlenden Kaltgetränk, das so wunderbar fröhlich und ausgelassen macht.

Salute (und immer hart am Ball bleiben)!

Freitag, 4. November 2011

Das Wort zum Freitag: Verrückte Welt, mein Mädchen

Vor Urzeiten, in der nonvirtuellen Plastikära der LPs und MCs, gelang es der Band »Crazy World of Arthur Brown«, sich mit ihrem heißen Rocksong »Fire« einen Platz in der One-Hit-Wonder-Ruhmeshalle zu erobern. Jetzt, in der Epoche des digitalen Overkills, klopft ausgerechnet Kohls Mädchen an die Pforte dieser Eintagsfliegen-Hall-of-Fame: in der Hand einen Ghettoblaster, aus dem ein Song quäkt, der erst noch ein Hit werden möchte: »Mindestlohn«. Ein Lied, dessen Melodie mir irgendwie bekannt vorkommt … Ist da vielleicht ein klitzekleines Plagiat mit im Spiel, Frau Bundeskanzlerin?

Crazy World of Angela Merkel! Klingt nach frühzeitiger Eröffnung des Bundestagswahlkampfes. Oder nach geistiger Verwirrung kombiniert mit akuter Mentalschwäche. Wäre kein Wunder, schließlich kostet die Rettungsschlacht um den Euro sehr viel Kraft!

Mindestlohn, hört hört. Da will die Union wohl mal wieder das soziale Fähnchen im Populismus-Wind flattern lassen, den Schulterschluss mit den Underdogs und Tagelöhnern suchen, Solidarität mit Friseurinnen und Alleinerziehenden heucheln.

»Mindestlohn«, hat das nicht auch mal der Gregor Gysi gesungen? Oder war es die Andrea Nahles? Wer auch immer: Angela, so zu klauen ist einfach nicht anständig! Aber auch als redliche Coverversion dürfte dein Song kaum Aussicht haben, in die oberen Regionen der Charts vorzustoßen. Wer will dieses Lied in deiner dürftigen Interpretation schon hören? Sogar Heiner Geißler klappt da die Ohren zu.

Versuch’s lieber mit einer Nummer über Europa oder den Euro, liebe Kanzlerin. Lass dir den Text von Konstantin Wecker schreiben und die Melodie von Phil Collins komponieren – dann kann gar nichts schief gehen. »The Last Euro« – ein garantierter, europaweiter Chartbreaker, auch in Griechenland. Von null auf eins – wetten? Sogar die Amis downloaden bei iTunes wie verrückt. Platin – im Nu!

Aber »Mindestlohn«? Würde noch nicht einmal Xavier Naidoo zum Hit machen. Und – jetzt mal ehrlich, liebe Angela Merkel – Wahlen sind damit nun wirklich nicht zu gewinnen! Wenn die Wahlkampf-Helfer den Kleister anrühren und die ersten »Wir stehen für ein modernes Deutschland«-Plakate auf die Bauzäune und Doppelgaragentore pappen, haben sie ganz andere Lieder auf den Lippen. Den »Steuersenkungs-Song« zum Beipiel. Money, money, money, it’s so funny … Hahahah!

Freitag, 19. August 2011

Das Wort zum Freitag: Auf und ab


»What goes up, must come down!« Im alten Gassenhauer vom Alan Parsons Project, den die Radio-Djs Ende der 70er rauf und runter dudelten, steckt eine simple Wahrheit – die sich aber nicht immer realisieren lässt. Ich denke da etwa an die immensen Verschuldungsquoten diverser europäischer Staaten. Oder glauben Sie ernsthaft, dass Italien, dessen Verschuldung 2010 stolze 119% des Bruttolinlandsproduktes ausmachte, je wieder seine rund 1.900 Milliarden Euro Verbindlichkeiten abbauen kann? Eher geht Berlusconi ins Kloster.

In deutschen Sprachraum gibt es auch eine Redensart, die sich mit Höhen und Tiefen beschäftigt: Wir sprechen ja manchmal vom »ewigen Auf und Ab« – in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und Bedeutungen. Da kann der Wirschaftszyklus gemeint sein mit seinen Booms und Flauten – oder die sehr wechselhafte Leistungsbilanz eines Fußballstürmers, die, verständlicherweise, nach seiner Torausbeute gemessen wird.

Herrn Thurk müssen wir mal außen vor lassen, aber Nationalspieler Gomez eignet sich ganz hervorragend als Paradebeispiel. Mal trifft Supermario wie am Fließband – und dann gerät er wieder in eine Phase, wo alles zusammenkommt: Die Feinmotorik versagt; vor dem Anpfiff Spezi statt Zielwasser getrunken und die Augentropfen mit dem Nasenspray verwechselt; links und rechs, oben und unten vertauscht – vielleicht sogar (aus Versehen) die Fußballschuhe von Mannschaftskamerad Lahm angezogen …

Ein ewiges Auf und Ab – das gilt natürlich auch für das Wetter des Sommers 2011. Er präsentiert sich wie eine launische Diva, die uns ein permanentes emotionales Wechselbad verordnet hat: heute Frühlingsgefühle, morgen Weihnachtsmarktstimmung mit Glühweinnote – und übermorgen Ice-in the-sunshine-Euphorie und Wo-sind-die-gottverdammten-Grillanzünder-Panik. Mal schwül, mal kühl, mal lau, mal sau … kalt!

»All summer long«: rein in die Shorts und raus aus den Shorts. Ich bin sicher, als Kid Rock den Erfolgssong über einen (für ihn) ganz besonderen Sommer getextet hat, schwebte ihm etwas anderes im Kopf herum als wilde Temperatur-Turbulenzen und verrückte Klima-Kapriolen. Aber wild zu ging’s wohl auch …

»Four seasons in one day« von Crowded House ist übrigens auch ein sehr schönes Lied – und es passt perfekt zur aktuellen Jahreszeit. Überhaupt verbirgt sich in so manchem Pop- oder Rocksong-Text Substanzielleres als gemeinhin vermutet wird. So trifft der Klassiker der Blue Oyster Cult auch in diesem Jahr voll in Schwarze: »This ain't the summer of love.«

Gottseidank gibt es das Liedgut des deutschen Schlagers, wo wir Trost finden – und auch manchen guten Ratschlag. Da empfiehlt uns z.B. das Schlager-Duo Nina & Mike, im Notfall den Sommer in der Ferne zu suchen, wie im Song »Sommer in Trinidad«: »Du kommst an und steigst aus und hast sofort gute Laune/ Sommer auf Trinidad/ Hier sind alle Menschen gleich/ ob weiße oder braune.« Amen!

Freitag, 5. August 2011

Das Wort zum Freitag: Prima Klima in Lima

Glauben Sie, dass der Klimawandel bereits in vollem Gange ist? Sind Sie mit unserem Betriebsklima zufrieden? Halten Sie den Sommer 2011 für eine Klimakatastrophe – oder lediglich für einen Flop, mit dem zu rechnen war?

Immer wieder gibt das liebe Klima Anlass für Diskussionen, Irritationen und Unmutsäußerungen. Kein Wunder eigentlich, entstammt das Wort Klima doch ursprünglich dem Altgriechischen und bedeutet »Krümmung«, in der Verbform dann »krümmen, neigen, biegen«. Das Klima war also schon immer eine krumme Sache – oder, anders formuliert – eine schräge, fragwürdige und ziemlich labile Angelegenheit.

In Zusammenhang mit den Klimakonferenzen, die von den Vereinten Nationen jährlich abgehalten werden, könnte die inhaltliche Definition des Begriffs Klima durchaus noch ein bisschen mehr auf den Punkt gebracht werden: Klima – fragwürdig, entbehrlich …
Die Klimakonferenz – so überflüssig wie ein Herbsteinbruch im Juli und Wollsocken an den Hundstagen.

Aber mit Klima lässt sich durchaus auch Positives verbninden. Für viele Zeitgenossen ist ein vertrautes Klima, ein gewohntes Umfeld die Grundvoraussetzung für einen hohen Grad an Zufriedenheit, optimale Motivation und Leistungsbereitschaft. Insbesondere am Arbeitsplatz!

Das gilt auch für die Verlagsgruppe Weltbild. Wo ein Arbeitsplatz-Wohlfühlklima leider alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Doch diverse Arbeitsgruppen im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsheitsmanagements (BGM) sind ja emsig damit befasst, daran etwas zu ändern. Bleibt zu hoffen, dass die Weltbild-Gesundheitsmanager sich nicht endgültig im dichten Gestrüpp von detailstrotzenden Konzepten, Agenden, abstrakten Absichsterklärungen und wohl tönenden Zielvorgaben verheddern – und dabei den Startschuss für konkrete Maßnahmen überhören und den Pfad in die Arbeitswirklichkeit aus den Augen verlieren.

Es gibt übrigens auch Menschen, die verlassen nie die gemäßigten Klimazonen – noch nicht einmal im Urlaub. So ein »Gemäßigter« käme nie auf die Idee, nach Lima zu reisen. Lima, die Hauptstadt Perus, liegt der subtropischen Klimazone. Selbst im kältesten Wintermonat beträgt die Durchschnittstemperatur dort satte 15 Grad Celsius. Allerdings ist die Metropole häufig in dichten Nebel getaucht!

Das klingt schon fast nach Treibhausklima, was zur Zeit in Augsburg herrscht und (nicht nur mir) die Mattigkeit in Kopf und Gliedmaßen treibt.

Wirklich zufrieden mit dem Klima können in diesem »Sommer« eigentlich nur die Nackt- und Weinbergschnecken sein. Sie leben ja bis zu ihrer Pensionierung dauerhaft in der Mikroklima-Zone, also dem Bereich der bodennahen Luftschichten – die bis zu etwa zwei Metern Höhe reicht. Dort fühlen sie sich sauwohl, weil sie es immer schön feucht haben.

Das Büroklima ist den Schnecken schnuppe, denn sie dürfen an der frischen Luft arbeiten. Ihre Arbeitsmotivation ist konstant hoch, weil es für sie immer etwas Frisches im Gemüse- und Kräutergaren zu bearbeiten bzw. zu futtern gibt. Das einzige, was den Kriechtieren wirklich Sorgen macht, sind die vielen Experten, die einen Klimawandel prognostizieren. Dass eine globale Erwärmung auch ihre heimischen Gärten betreffen könnte, wäre für unsere Schnecks der Klimagau.

Freitag, 27. Mai 2011

Das Wort zum Freitag: Bekenntnisse eines Früheinstemplers

The Times they are a changin’

Früher war ich morgens der Erste. Sagte Hallo zur Raumpflegerin und war von jeder Konversation befreit. Noch keine Schlange vor dem Kaffeeautomaten und keine Anrufe, die meine erste kreative Arbeitsphase störten. Ich war der alleinige Herrscher in meinem ruhigen Frühstarter-Paradies und summte »Silence is golden«! Doch mittlerweile …

… ist alles ganz anders. Ein Virus scheint zu grassieren. Oder die senile Bettflucht hat jetzt auch schon Jüngere erwischt. Wenn ich um 7.20 Uhr durch meine Abteilung schlurfe, sind sie schon längst da. S. hackt in ihrem Büro bereits lautstark auf der Tastatur rum. B. und P. diskutieren in der Teeküche über erneuerbare Energien, während J. den Wasserkocher mit Essigessenz entkalkt. Es stinkt zum Himmel.

T. hantiert hektisch am Drucker herum und ruft etwas, das wie »blöder Papierstau« klingt. Könnte aber auch »Schröder du Pistensau« heißen.

E. bespricht am Telefon mit ihrer schwerhörigen Mutter die Einkaufsliste (»Curryketchup, Mama, nicht Kürbisketten!«) – und das bei geöffneter Bürotür. Und K. von nebenan hat gerade seine Kaffeetasse umgestoßen und steht jetzt besudelt, hilf- und fassungslos vor seinem Büro. Ich hab’ so früh einfach noch keine Lust auf Psychotherapie!

Und jetzt kommt auch noch die Putzfrau mit ihrem Turbolader-Staubsauger, dabei saugt sie doch sonst nur am Freitag dem 13.!

Vielleicht sollte ich wieder Langschläfer werden. Einstempeln, wenn andere zur Mittagspause ausstempeln. Doch was mach’ ich bloß, wenn mich weiterhin – so gegen halb vier – ein tierischer Fluchtreflex ereilt? Eine innere Stimme laut »Nichts wie raus hier« ruft?

Nein, es gibt nur die eine Lösung: Ich muss noch früher anfangen! Beim ersten Hahnenschrei mein Tagwerk beginnen. Mit Sondergenehmigung von Herrn Seher und Extraschlüssel von Herrn Knez. Und wahrscheinlich mit dunklen Augenringen und einem Gefühl von Verlorenheit, wenn mir um 5.30 Uhr klar wird, dass ich im Pyjama am Schreibtisch sitze.

Freitag, 25. März 2011

Das Wort zum Freitag: Gekämpft wird immer

  
Dieser ewige Kampf – zwischen Natur und Mensch. Ein ungleicher Kampf, den die Natur gewinnen wird, wetten?! Sie hat einfach den längeren Atem – vor allem das Plutonium.

Und dann gibt es da noch den erbarmunglosen Kampf Mensch gegen Mensch, Politiker gegen Wähler, Malocher gegen Big Boss, Polizeibeamter gegen Castortransport-Blockierer, Umweltminister gegen Regierungschefin …

Doch die härtesten Kämpfe werden derzeit gegen Werte geführt – Werte wie Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Aufrichtigkeit. Und ich befürchte: Diese gestandenen Werte sind hart auf der Verliererstraße, kurz vor dem Knock-out. Oder erscheint Ihnen die rapide Kehrtwende unserer Bundesregierung in Sachen Atomenergie etwa glaubwürdig?

Da werden Überzeugungen gewechselt wie schmutzige Unterwäsche, da meint man, schlecht geträumt zu haben. Ich setzte ja mittlerweile mehr Vertrauen in den Gebrauchtwarenhändler ganz am Ende des Industriegebietes, der seine Geschäfte im ausrangierten Mobilheim abschließt und mit Wodka besiegelt.

Ja sind wir denn in Babelsberg am Film-Set, wo gerade die erste Klappe zum Sat-1-Streifen-»Crazy World Kanzleramt« fällt? Mit Mutter Beimer als »Mutti« Merkel.

Apropos verrückte Welt: Welche Ausmaße die globalen Unterschiede kapitalistischer Ausbeutungspraktiken inzwischen angenommen haben, lässt sich trefflich anhand eines deutschen und eines japanischen Unternehmens verdeutlichen. Während die germanische Firma (ein Medienkonzern aus Bayern) Leiharbeiter in Lager und Versand einsetzt, wo höchstens mal das Licht ausgeht oder der Brotzeit-Käse schmilzt, verheizt das Energie-Unternehmen aus Nippon Zeitarbeitnehmer an hoffnungslos maroden Atomkraftwerken.

Das ist Kernschmelz-Kapitalismus pur – wo der Kampf der Arbeiterklasse um eine strahlende Zukunft eine ganz neue Bedeutung bekommt. Und die Halbwertzeit von Leiharbeitern erschreckende Werte annimmt.

Das ganze Leben ist ein Quiz, behauptet jedenfalls Promi-Pilger Kerkeling. Ich meine: Das ganze Leben ist ein Kampf. Es wird immer gekämpft – und überall. Vor und hinter dem Regierungssprecher-Mikrofon, am Brennstäbe-Abklingbecken, beim FC Hollywood (um einen Stammplatz z.B.), im RTL-Dschungelcamp, in der Tarifkommission, beim Weltbild-Lagerverkauf …
  

Freitag, 4. März 2011

Das Wort zum Freitag: Mit und ohne Titel

Mein Freund Klaus beichtete mir kürzlich, er habe, als er 9 Jahre alt war, seinen Sportlehrer bestochen, um das Fahrtenschwimmer-Abzeichen mit entsprechender Urkunde zu bekommen. Einen Sommer lang jeden Samstag vormittag den ockerfarbenen Opel Rekord des Paukers waschen – das war der Preis für die Befreiung von der Pflicht, vom 3-Meter-Brett zu springen. Schon damals litt der gute Klaus so schrecklich an Höhenangst.

Jahrzehnte später, nach Bekanntwerden der Guttenbergschen Doktor-Spiele, meldete sich bei Klaus das schlechte Gewissen. Sofort hat er einen Brief an die Präsidentin des Deutschen Schwimmverbandes geschickt – mit der Botschaft, er fühle sich schuldig und wolle fortan auf seinen Fahrtenschwimmer-Titel verzichten. Die vergilbte, zerknitterte Urkunde fügte er dem Schreiben bei.

»Bist du sicher, dass das reicht«, hatte ich Klaus gefragt. »Meinst du nicht, dass du zurücktreten musst?« Und so ist mein Freund Klaus als bundesdeutscher Fahrtenschwimmer zurückgetreten. Ruckzuck ging das. Natürlich hat sich weder der Spiegel noch die Bild-Zeitung für die Demission interessiert. Doch ich meine, Klaus hat Charakterstärke bewiesen und konsequent gehandelt. Leider kann ich nicht sein Nachfolger werden, denn ich bin nur im Besitz der Freischwimmer-Lizenz – und damit eines Titels, der heutzutage wenig gilt.

Dafür hat mein Buch bereits einen Titel, obwohl es sich noch im Manuskript-Stadium befindet und bislang kein Verleger Interesse geäußert hat. »Überleben ohne Titel« soll das Werk heißen – ein Ratgeber, der arme Menschen, denen ein wie auch immer erworbener Titel plötzlich abhanden gekommen ist, vor dem Sturz in eine Depression bewahren soll.

Die Kernbotschaft des Textes lautet übrigens: Auch ohne einen Titel ist das Leben lebenswert! Auch jenseits vom Dr. rer. nat., Dipl.-Soz., OGefr., M. A., B.F. A., Konsul a.h., Revolutionsführer, Maximo Lider, CBE (Commander of the Order of the British Empire) und dergleichen gibt es Neid, Missgunst, Eifersucht, Größenwahn, Geltungssucht, Minderwertigkeitskomplexe, Angebertum und Hochstapelei – und natürlich die Chance zur kreativen Selbstverwirklichung.

Auch ein Schwimmmeister (früher: Bademeister, heute: Geprüfter Meister für Bäderbetriebe), der seinen Meisterbrief wegen verbotener Chlorgasgewinnung zurückgeben musste, soll eine neue Chance erhalten: zum Beispiel als Ghostwriter für einen Meeresforscher, der einen Doktortitel anstrebt.

Also: Besser mit verlorenem Titel ganz neue Talente und Fähigkeiten entdecken und vielleicht den Stein der Weisen finden, als nie einen Titel gehabt haben. Oder?

Freitag, 31. Dezember 2010

Das Wort zum (letzten) Freitag (des Jahres 2010): Same procedure

  
Es ist wieder soweit. Schnell noch den Sekt kalt stellen, den Nudelsalat abschmecken und die Raketenbatterien auf der Terrasse platzieren. Diesmal vielleicht so ausrichten, dass die Mini-Pershings direkt Nachbar Hempels überdimensionierte Sat-Schüssel …? Aber nein, so gemein sind wir nicht, auch wenn Obersaubermann Hempel uns mit seinem Laubbläser-Tick im Herbst wieder den letzten Nerv geraubt hat. Raten Sie mal, wo er die Blättermassen mit seiner 2600-Watt-»Panzerfaust« hingepustet hat?

Friedlich wollen wir das alte Jahre verabschieden und freudig das neue begrüßen. Freudig? Mit einer rechtzeitig verabreichten Dosis Alloholl wird das schon gelingen. Da glauben wir dann bereits um 21 Uhr, dass im nächsten Jahr Wunder geschehen werden: Mehr netto vom brutto – hossa! Und Rex Gildo wird selig gesprochen.

Ach, fast hätt’ ich’s vergessen: Beim Fondueset muss ich ja noch einen Ölwechsel machen. Und wo hat sich bloß die CD-Box mit den Golden Oldies versteckt? Ohne die beruhigende Einstimmung durch vertraute Sounds und Songs der Vergangenheit (»I Can’t Get No Satisfaction«) weigere ich mich, den Null-Uhr-Schritt in eine ungewissen Zukunft zu tun. Wer weiß, was uns das Jahr 2011 alles bescheren wird. Die Autobahn-Vignette? Die Fruchtsaft-Steuer? Den Solidaritätszuschlag (für Portugal und Spanien)? Die Umrüstung der Supermarkt-Einkaufswagen auf 5-Euro-Scheine? Die Rückkehr von Lothar Matthäus zum FC Bayern (als Cheftrainer)? Die Rückkehr von Möllemann … Nein, das ist medizinisch nicht möglich. Aber wer weiß, was alles in Guido Westerwelles Albträumen so passiert …

Jetzt brauche ich aber wirklich einen Schluck. Vielleicht schon mal den Roten öffnen? Achherrje, der hat einen Kunstkorken – ist so hartnäckig wie Berlusconi. Dann halt ein Schwedenpils. Ein Prosit auf die schlauen Nordländer. Haben auf den Euro verzichtet.

Jetzt blökt mein Handy. Es ist Willi. Fragt, ob wir »Dinner for one« schauen. Wenn nicht, dann bliebe Elke zu Hause, hätte sie gesagt, denn ohne James und Miss Sophie wäre Silvester nicht Silvester. Oh my god! Ich sage, dass wir im Gästezimmer noch einen kleinen Fernseher stehen haben, verschweige aber, dass der Lautsprecher kaputt ist.

Dann höre ich meinen Sohn rufen: »Papa, wo ist eigentlich der Schokoladenbrunnen, den uns Tante Sabine mal geschenkt hat?«

»Den hat sich Sir Toby letztens ausgeliehen und noch nicht wieder zurückgebracht«, antworte ich ihm. »Immer das gleiche mit deinen Freunden», erwidert mein Sprössling, »wenn du ihnen etwas borgst, bringen sie es nie zurück.«

»Da hast du recht«, rufe ich, »aber macht nichts, wir können die Schokolade doch auch in der Mikrowelle schmelzen«. »Okay Papa. Aber gibt das nicht wieder so eine Sauerei wie letzes Jahr mit dem Käsefondue?« »Auch am Silvesterabend kann man dem Schicksal nicht entrinnen«, entgegne ich meinem klugen Kind und öffne noch ein Bier. »The same procedure as every year. Skål!«
 

Freitag, 24. Dezember 2010

Das Wort zum Freitag: Die unheimlichen Schweiger

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Eine Unsitte breitet sich aus: Auf einen freundlichen Gruß hört man immer öfter: nichts! Ja sind wir denn im falschen Film – oder doch bei Weltbild?

Handelt es sich um Zombies, die nicht sprechen können – oder nur um mies gelaunte KollegInnen, die mit dem falschen Fuß aufgestanden sind? Ist es etwa ein gestresster Zeitsouveräner mit Karrierechancen, der mir in den labyrinthartigen Gängen des Glaspalastes begegnet und auf mein »Guten Morgen« mit bleiernem Schweigen reagiert – oder ein Abteilungsleiter, den die schwere Last der Verantwortung blind und taub gemacht hat?

Wie auch immer – Weltbild-MitarbeiterInnen, die nicht grüßen oder – noch schlimmer – nicht zurück grüßen, sind ein Ärgernis. Doch warum um Himmels Willen verhält man/frau sich so?

Reine Erziehungssache, meinen die einen! Die Arroganz derjenigen, die sich für etwas Besseres halten, denken andere. Aber es gibt auch Stimmen, die sagen, ein starrer, stummer Blick ins Nirgendwo – als Reaktion auf einen netten Gruß – sei Ausdruck eines grundschlechten Charakters.

Betriebsklima? Brauchen wir das? Respekt? Wovor? Ich meine: Grüßen ist eine zwischenmenschliche Selbstverständlichkeit, ein Ausdruck kollegialer Achtung. Und es ist gesund, erhöht den Wohlfühlfaktor im Job und stärkt die Arbeitsmotivation. Also, ihr unheimlichen Schweiger: Mund auf! Das tut auch gar nicht weh.
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Freitag, 5. November 2010

Das Wort zum Freitag: Streiken erlaubt


Wenn in Deutschland Busfahrer, Fluglotsen, Müllmänner oder Bademeister streiken, was ja bei tariflicher Disharmonie ihr gutes Recht ist, schraubt sich der Volkszorn schnell in luftige Höhen. Warum? Weil viele Bundesbürger sich in ihren Grundrechten beeinträchtigt fühlen. Dabei ist im Grundgesetzt überhaupt nicht die Rede vom Recht auf planmäßigen Abflug nach Gran Canaria, vom Recht auf pünktliche Entleerung vollgestopfter Mülltonnen, vom Recht auf auf die samstägliche Chlor-Kur im städtischen Hallenbad.

Der Durchschnittsdeutsche liebt es halt, wenn alles seine Ordnung hat, und hasst es, wenn jemand seine Planungen und Termine durcheinander bringt. Schließlich hat er schon genug Chaos in der Ehe, im Elternbeirat und in seiner viel zu kleinen Doppelgarage. Und dann soll er sich die letzten verlässlichen, sicheren Bastionen eines immer turbulenter werdenden Lebens von ein paar Verdis und anderen Relikten einer längst vergangenen Epoche kaputt machen lassen? Nein, das wäre zu viel verlangt.

Und komme jetzt bitte keiner mit der abgedroschenen Platitüde, wo da die Solidarität bliebe! Schließlich haben Hanna Normala und Maximilian Mustermann im vreganegnen Jahr bereits reichlich für die Erdbebenopfer in der Karibik und die DHAH (Deutsche Hilfsorganisation für ausgesetzte Haustiere) gespendet.

Der Deutsche ist da ja ganz anders als etwa sein Nachbar westlich des Rheins. Monsieur Filou geht so selbstverständlich und mit Lust zum Streiken wie Herr Meier in seine geliebte Stammkneipe oder zum Kegeln. Die Nachfahren von Villon und Robespierre haben halt noch reichlich aufmüpfige Revolutionärsgene in der Erbgutmasse. Während bei uns Alemannen nach wie vor der Anteil obrigkeitshöriger Kuschgene dominiert. (Natürlich gibt es hin und wieder Mutationen – wie z.B. erkennbar bei Stuttgart-21-Gegnern.)

Schon seltsam, wenn die Franzmänner und -frauen ohne mit der Wimper zu zucken das ganze Land lahmlegen – nur weil ihnen die Rentenpläne der Regierung missfallen! Wenn in Deutschland die Hundefriseure aufgrund von Arbeitskampfmaßnahmen ihre Salons einen Tag schließen, redet man schon von Landesverrat und Staatsstreichversuch – und manch einer wünscht sich vielleicht wieder eine schlagkräftige Organisation herbei, die ohne viel behördliches Brimborium schnell und wirksam eingreifen darf: zum Wohl der Allgemeinheit – und der Pudelmuttis.

Selbstverständlich muss Streiken erlaubt sein – aber bitte nicht am Pfingstsamstag, wenn auf dem Münchener Flughafen mein Airbus darauf wartet, mich nach Domrep oder Malle zu bringen, damit ich meinen Teint auffrischen kann. Und erst recht nicht morgen früh, wenn ich unbedingt den Bus erwischen muss, um pünktlich beim NKD zu sein. Schließlich will ich mir die 3-in-1-Funktionsjacke zum Hammerpreis nicht von Hinz & Kunz vor der Nase wegschnappen lassen. Nicht auszudenken, wenn ich Hinz oder Kunz eines Tages treffe würde: in »meiner« Jacke – und darüber ein signalfarbenes Leibchen gezogen mit der Aufschrift: Streikposten.

Freitag, 22. Oktober 2010

Das Wort zum Freitag: Glühweinsaison


»Morgen soll’s schneien.« Kollege A. unterbricht seine Lektüre und schaut irritiert auf. »Bis auf 600 Meter runter.« A., ungläubig: »Wirklich?« »Hab’ ich heute morgen im Radio gehört.« »Wie hoch liegen wir hier eigentlich, in Lechhausen?« «Ich gaub’ so um die 500 Meter.« A., erleichtert: »Dann gibt’s höchstens Schneeregen.« »Und das findest du besser?« frage ich.

A überlegt einen Moment. »Nicht wirklich«, meint er dann und seufzt. »Aber schließlich haben wir ja schon bald November …« Und er bekommt so einen melancholisch-tiefsinnigen Blick, als sei für Allerheiligen der Weltuntergang angekündigt. Da platzt Kollege B. ins Büro. »Habt ihr eigentlich schon Winterreifen drauf?«

Natürlich nicht. Denn – wie jedes Jahr – wird der Winter völlig überraschend über uns hereinbrechen. Gestern noch die wärmenden Sonnenstrahlen des Altweibersommers – und heute schon Eiskratzen an den Autoscheiben und hektische Suche nach dem Starthilfekabel. Immer wieder auf’s Neue lassen wir uns vom Wechsel der Jahreszeiten überrumpeln. So als hätten wir den Goldenen Oktober schockgefroren, ihm den Zahn der Zeit gezogen. Das einzige, was uns nicht mehr überraschen kann, ist ein mieser Sommer. Mit dem rechnen wir immer.

»Ist doch nur menschlich«, meint mein Kumpel Harry, während wir am Abend den Start der Glühwein-Saison feiern und über technische Probleme mit der Fahrradbeleuchtung sowie typische Symptome der ersten »dicken« Herbsterkältung debattieren: von Gänsehaut bis Stirnhöhlenkatarrh. »Das Unangenehme wird halt verdrängt, ganz weit weg geschoben, ins Reich der Märchen und Sagen verbannt. Und wenn Väterchen Frost an unsere Tür klopft, fallen wir aus allen Wolken und überprüfen besorgt den Heizölstand im Keller. Und dann überkommt uns die Angst, an den Tankstellen und in den Supermärkten könnte Frostschutzmittel bereits ausverkauft sein. Alles ganz normal, mein Freund – so normal, wie der Durst auf Bier nach drei Tassen Glühwein.«

Der Wintereinbruch ist dann übrigens doch (noch) nicht erfolgt. Keine Schneeflocke weit und breit, die Regentonne an der Hauswand noch nicht geborsten. Mein Arbeitskollege B. fühlt sich vera…… Schließlich hatte er sich schon mental auf sibirische Verhältnisse eingestellt!

Heute morgen taumelte er völlig verschwitzt ins Büro – eingepackt in eine Mount-Evererst-Daunenjacke, über den hochroten Kopf eine Boris-Jelzin-Pelzmütze gezogen . »Willste ein kühles Bier?«, fragte ich ihn. Und Kollege A. meinte grinsend: »Seit der Kachelmann mit der Justiz Probleme hat, ist auf die Wetterprognosen einfach kein Verlass mehr.« Worauf ich ergänzte: »Und wenn Aldi die ersten Glühweinpullen ins Regal räumt, bedeutet das noch lange keinen Winteranfang.« Und A.: »Vielleicht geht ja diesmal der Herbst gleich in den Frühling über; übermorgen blühen die Buschwindröschen, und die Störche kehren zurück – wer weiß …«

p.s.
28 Stunden später: Endlich ist es soweit. In allen Straßen und Gassen erklingt der swingende, frühmorgendliche Sound der Plastik-Eiskratzer. »Ritzeratze, kritzekratze, krachsplitter …« Und Kollege B. friert sich auf dem Weg ins Büro bestimmt den A. ab, wetten?

Freitag, 6. August 2010

Das Wort zum Freitag: Katastrophenalarm


Sintflut in Pakistan, in den Wassermassen kämpfen Menschen verzweifelt ums nackte Überleben – doch für meinen Kumpel Harry ist es schon eine Katastrophe, wenn sein Vorrat an »Salt & Pepper« Gourmet-Chips unerwartet aufgebraucht ist. »Mist, hier muss doch irgendwo noch eine Tüte sein! Und der Tatort fängt gleich an.«


Während in Russland ganze Dörfer in Flammen stehen und Moskauer Bürger sich nur noch mit Atemschutzmaske auf die Straße wagen, spricht Harry von einer Katastrophe, wenn der FC Bayern ein paar Monate lang ohne den verletzten Dribbelkünstler Robben auskommen muss. Ein Fiasko!


Wenn das kleine Flüsschen Paar mal über die Ufer tritt und ein paar Kartoffel- und Partykeller in Mering oder Kissing unter Wasser stehen, ist das für die Hausbesitzer der absolute Supergau – und die im Abstellkeller in der braunen Brühe treibende alte Campingliege wird schnell mit der Digicam abgelichtet: für die Versicherung und für den nächsten, feuchtfröhlichen Dia- … ääh … Beamerabend im Kreis der Kegelfreunde.


Doch wenn die TV-Nachrichten Bilder von im BP-Öl-Mantel verendeten Seevögeln im Golf von Mexiko zeigen, löst das nur ein müdes Schulterzucken aus: Ist ja schon schlimm, war irgendwie klar, dass das mal passiert, war halt ein Unfall, schlampige Aufsicht, mit dem Risiko muss man leben, und die Fischer kriegen bestimmt eine Entschädigung … Aber eine Katastrophe?


Erdbeben in Japan, Tsunamis im Indischen Ozean, Tornados in den USA, Vulkanausbruch auf Island … Wir wissen längst, dass Mutter Natur eine launische Dame ist. Aber die wahren Katastrophen kommen aus dem Nichts, ereignen sich völlig überraschend, bringen einen sofort an den Rand der Verzweiflung. Wie die Baustelle auf dem Radweg heute morgen, die mich zwang, meinen gewohnten Weg zur Arbeit für vielleicht zwanzig Meter zu verlegen: auf die Straße der Todesmutigen, der Hasardeure und Lebensmüden, wo man sekündlich damit rechnen muss, unter die gigantischen Zwilingsreifen einen fetten Volvo-Trucks zu geraten und ein Fall für die Berufsgenossenschaft oder die Versicherung zu werden – und ein Auftrag für den Bestattungsdienstleister »Letzte Ruhe«.


Eine Katastrophe für meinen Kollegen und Lottogemeinschaftskameraden P., der im Falle von sechs richtig platzierten Kreuzchen wohl leer ausgehen würde, wenn ich den Lottoschein mit ins Grab nehme – und P. angesichts der nicht gemachten Kopie des Belegs an meinem Grab bittere Tränen vergießen würde – über die entgangenen 50 Prozent von X Millionen Euronen. Auch sein Anwalt könnte da kaum Trost spenden.


Soviel für heut’ – demnächst mehr über die peinlichsten persönlichen Katastrophen aller Zeiten. Wie z.B. über das Buttermilchdessert auf der Computertastatur zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.


Freitag, 23. Juli 2010

Das Wort zum Freitag: Atemnot


Kaum noch Sauerstoff … im ICE-Abteil, weil die Klimaanlage nur für einen Fiat 500 ausgelegt ist und ich den Fenstergriff nicht finde. Aber mein Kaffee in der Thermoskanne ist wieder heiß, halleluja! Ich muss auf einmal an den Film mit Jürgen Prochnow denken, »Das Boot«, und das Atmen fällt langsam schwer … Wo hat Herr Grube bloß den Nothammer versteckt?


Auch in der Ostsee nicht mehr viel Sauerstoff … völlig überdüngt das Wasser. Dafür ist es fast schon so warm wie das Wasser der Samana-Badebucht von Domrep. Vielleicht doch noch mal schnell nach Rügen fahren und eine Runde schwimmen, bevor die Blaualgen-Invasion Kap Arkona erreicht hat. Mit diesen Algen, die eigentlich eher Bakterien sind, ist nämlich nicht gut Kirschen essen!


Anscheinend auch wenig Sauerstoff … in unserem Gartenboden, vor allem unter der Rasenfläche. Denn ständig müssen sich die Maulwürfe nach oben buddeln, um Luft zu schnappen. Die einst grüne Ebene hat sich in eine braune Hügellandschaft verwandelt. Der Rasenmäher hat jetzt Ferien. Und die Maulwürfe holen sich einen Sonnenbrand. Da – schon wieder ein neuer Krater! Was passiert eigentlich dort, im deutschen Mutterboden?


Wahrscheinlich viel zu wenig Sauerstoff … in unserer Brotbox. Schon nach zwei Tagen ist das Brot schimmelig. Lasse jetzt den Deckel der Holzbox auf, damit das Friedberger Landbrot atmen kann – und nicht schwitzen muss, wie Herbert Grönemeyer in der U 96.


Mein Bier schmeckt heut’ so fad, fast ein wenig abgestanden. Dabei habe ich die Flasche gerade erst geöffnet. Da gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Beim Abfüllen wird wohl zu viel Sauerstoff an den Gerstensaft gelangt sein. Sauerstoff verändert das Aromaprofil des Bieres – und dann schmeckt es halt nicht mehr so frisch und eher nach Pappkarton.


Zu viel Sauerstoff also, okay! Hab da eine Idee: Könnte ja mal eine Versuchsfahrt mit dem ICE unternehmen, z. B. von Augsburg nach Ulm und zurück, und mir ein oder zwei mitgebrachte Biere im Sauna-Abteil genehmigen. Ob es dort frischer schmeckt?


Freitag, 9. Juli 2010

Das Wort zum Freitag: Rätselhaft


Ohne Rätsel wäre das Leben stinklangweilig. So fad wie Spaghetti Pesto Genovese ohne Pinienkerne oder ein sommerlicher Freibadbesuch ohne ein Eis vom Kiosk. Rätsel bringen Schwung in Arbeitsleben und Freizeit und entkalken unsere Gehirnwindungen.

Allerdings gibt es auch Rätsel in Menschengestalt, die uns permanent überfordern. Wie z.B. der lybische Staatschef Muammar al-Gaddafi oder der eigene Ehepartner.

Dafür freuen wir uns über die prickelnden Rätsel, mit denen uns talentierte Romanautoren und gewiefte Filmemacher bestens unterhalten: filigran gestrickte Rätsel-Plots, die mit klarem Kopf und einer überdurchschnittlich hohen Intelligenz durchaus zu entwirren und zu lösen sind. Wenn nicht, dann war es halt ein open end!

Noch anspruchsvoller als diese Plot-Mysterien sind intellektuell angehauchte Denksporträtsel, die sämtliche Hirnsäfte brodeln lassen, wie diese harte Rätsel-Nuss, die mir eine Kollegin kürzlich zum Knacken anbot: Mit welchem Begriff lassen sich »Freiheit«, »Überzeugung« und »Hoffnung« zusammenfassen?

Hmh, ahja, okay … Schnell gab ich zu, überfordert zu sein. Das sei etwas für Philosophie-Professoren, meinte ich. Und doch ließ es mir keine Ruhe. Es muss doch ein Wort geben, wo Freiheit, Überzeugung und Hoffnung inhaltlich gleichzeitig drinstecken? Und dann hatte ich eine Idee.

Freiheit … – existiert da nicht eine Partei, die den Begriff in ihrem Namen trägt? Eine Partei, die momentan desaströse Umfragewerte verdauen muss? Obwohl ihre leitenden Funktionäre, allen voran ein Mitglied der Bundesregierung, felsenfest zu ihren programmatischen Überzeugungen und politischen Zielen stehen. Auch wenn diese Felsen nicht aus Granit sondern eher aus Sandstein bestehen, das angesichts der immer kraftvoller heranrauschenden Sparpolitik-Wellen inzwischen ganz schön löchrig und porös geworden ist.

Aber das erschüttert die Grundüberzeugung der Partei-Leader natürlich nicht im geringsten: Zu einer klaren liberalen Handschrift gehört selbstverständlich die Forderung nach Steuersenkungen!

Und schon sind wir bei der Hoffnung. Denn natürlich hoffen die sich liberal nennenden Politiker, dass es irgendwann einmal möglich sein wird, »die Mitte zu stärken«, sie steuerlich zu entlasten. Und sie hoffen auch, bei den nächsten Wahlen die 5-Prozent-Hürde zu überspringen.

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Ob allerdings der Vorsitzende der Partei, deren Name natürlich die Lösung des Rätsels ist, noch aktiv am politischen Geschehen mitwirken darf, wenn sich diese Hoffnung erfüllen sollte, steht in den Sternen.

Egal, hauptsache ich hab’ die Lösung: Freiheit + Überzeugung + Hoffnung = FDP. Klingt gar nicht schlecht, sollte ich mir patentieren lassen. Wäre vielleicht ein guter Wahlkampfslogan …

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